Der Gips ist ja schon länger ab und die Drähte sind nun auch endlich raus. Doch die kaputte Hand will noch lange nicht so funktionieren, wie es vor dem Unfall war. Zug und Druck verursachen starke Schmerzen in den kleinen Gelenken und Mittel- und Zeigefinger lassen sich nur mühsam und ebenfalls nur unter Schmerzen und auch dann nur gering beugen. Ein kräftiges Zupacken und Ziehen an Fall und Schoten ist noch lange nicht richtig möglich. Doch ich nutze den wenigen Wind und den damit verbundenen geringen Druck in den Segeln heute trotzdem zum Üben.

Mit unterstützender Krankengymnastik soll ich erst später beginnen und erstmal haushaltsnahe Tätigkeiten verrichten, meint der Arzt. Ich soll mich langsam herantasten und meine Hand nicht überfordern. Haushaltsnahe Tätigkeiten? Was genau soll das denn jetzt? Kartoffeln schälen? Abwaschen? Putzen? Ok, das gehört zum Alltag, aber das wirklich Wichtige, was für mich persönlich wichtig ist, ist doch die Handhabung mit meinem Boot. Es liegt für mich deshalb natürlich klar auf der Hand, dass ich nicht nur haushaltsnahe Trainingseinheiten für meine linke Hand brauche, sondern mich dem stelle, was mich am Ende auch mental und emotional gesund bleiben lässt.

Ja, ich gebe zu, das Großsegel steht nicht unbedingt optimal und die vielen Falten hier und da stören mich auch. Doch es fehlt einfach die Kraft in der zweiten Hand, um das Segel stärker durchzusetzen, zu probieren und zu trimmen. Wobei ich auch unter normalen Umständen nicht unbedingt zu jenen zähle, die immer alles nach Vorschrift und lehrbuchmäßig machen. Mich stört dieser Imperfektionismus einfach nicht. Im Gegenteil, die eigentliche Perfektion für mich ist doch, dass ich überhaupt hier bin. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz aller Widrigkeiten. Meine Ansprüche liegen auch hier eher auf der petsönlichen und emotionalen Ebene.

Der Wind pustet heute konstant und sogar etwas mehr wie etwartet. Es herrschen Idealbedingungen auf der heimischen Förde. Die leicht wärmende Sonne und ein kraftvoller blauer Himmel lassen das Gemüt aufatmen und die Tatsache, dass keine Welle ist und auch kaum Boote unterwegs sind, machen es mir unter den gegebenen Umständen einfach leichter mein Boot zu handhaben. So muss ich nicht schnell reagieren und kann mir in all meinen Tätigkeiten ausreichend Langsamkeit erlauben.

In weiter Ferne schimmern nur zwei oder drei kleine, weiße Segel. Hier und da zieht ein flinkes Motorboot, offenbar mit mit heiteren Frühlingsgefühlen gesteuert, seine Kreise und na der Küste dröhnt eine unbetakelte Segelyacht unter Maschine Richtung Sommerliegeplatz. So langsam lassen sie sich wieder auf dem Wasser blicken, die unterschiedlichen Bootseigner, deren Schiffe den Winter an Land verbrachten.

Findus pflügt derweil mit traumhaften vier bis fünf Knoten durchs Wasser, während ich dankbar vor mich hin lächle und einfach nur froh bin hier zu sein. Hier draußen kann ich atmen, spüre eine Leichtigkeit in mir und bin einfach nur glücklich. Es tut so verdammt gut hier draußen zu sein. Allein. Nur Findus und ich.

Es gab mal eine Zeit, da wollte ich unbedingt verstanden werden und hatte das tiefe Bedürfnis mich zu erklären. Ich suchte nach irgendeiner Zustimmung, vielleicht auch nach einer Art von Legitimation für das, was ich hier mache. Eine Bestätigung von außen, dass es richtig und vor allem in Ordnung ist, allein sein zu wollen. Diese Zeit an Bord so derart zu genießen und mich dabei so wohl zu fühlen. Viel zu oft begegnete mir dabei jedoch Unverständnis und ließ mich zweifeln an dem, was mich in meinem inneren Kern ausmacht. Doch ich habe gelernt, dass es vollkommen egal ist, was andere denken. Ob sie mich verstehen und es nachempfinden können oder ob ich in ihren Augen ein Sonderling zu sein scheine. Ich bin glücklich hier draußen. Und das ist das einzige was zählt.

Wo, wenn nicht hier, kann ich denn sonst vollkommen für mich sein? Ungestört, unbeeinflusst und ohne Erwartungen seitens Außenstehender? Nein, dieses kleine und alte Boot ist meine Insel, meine riesige Glücksoase.

Hier kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen, gewinne Erkenntnisse und erlebe Aha-Effekte. Kein Lehrbuch, keine Therapie und kein Unterricht kann auch nur annähernd in der Lage sein, das eigene Leben, und somit das eigene Selbst, besser zu erkennen und zu erklären. Es ist die Zeit, die Stille und das Loslassen, was mich zum Ursprung bringt. Mein Kopf wird frei, die Gedanken verpuffen und am Ende bin ich einfach. Schwerelos, eins mit dem, was mich umgibt. Für mich ein natürlicher Zustand ohne Fremdeinwirkung.

Hier draußen schwinge ich im Gleichtakt mit meiner Umgebung. Ich bin kein blockierender Fremdkörper, der permanent gegen den Strom kämpft und nach einen Platz sucht und umgekehrt bekomme ich auch keine irrealen Grenzen übergestülpt, die nicht mit meinen eigenen übereinstimmen.

Nicht selten höre von außen, ich sei mutig. Mutig, weil ich segle, weil ich allein segle und nun auch trotz meiner kaputten Hand allein segle. Doch mutig daran ist einzig meinem Gefühl zu folgen und mich zu befreien aus auferlegten Zwängen, Konditionierungen und falscher Werte. Mich meiner selbst bewusst zu werden und mein Leben nach den eigenen Vorstellungen und der eigenen Fasson zu gestalten. Mutig ist auch, meine Gefühle zu erkennen und sie anzunehmen und mich ihrer nicht zu schämen. Findus hilft mir dabei und gibt mir die Kraft für diesen Mut.

Der Wind nimmt jetzt langsam ab und gleich wird es Zeit umzukehren. Ich bin zufrieden mit mir. Die Schoten ließen sich den Umständen entsprechend dicht holen und das macht mir Hoffnung. Hoffnung darauf, dass es weitergehen wird. Vielleicht langsam und in kleinen Schritten, aber immerhin weiter.



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