Die See ist rau und es ist windig. Verdammt windig. Findus will offensichtlich nicht los, denn ich hänge in der Box fest und komme rückwärts unter Maschine nicht so richtig raus. Mein Boot hat sich so an den Lee-Dalben gelegt, dass es einfach nicht rum kommt. Ich muss mit der Hand nachhelfen und Findus abwechselnd abstoßend und rausziehen. Ich habe nunmal nur einen kleinen Motor und manchmal habe ich den Eindruck, dieser beginnt mit fast 1.000 Betriebsstunden schon wieder schlapp zu machen. Andererseits bin ich im Hafen auch immer etwas ängstlich, da ich ja weiß, wie langsam Findus‘ Reaktionen sein können. Besonders bei Seitenwind hat mein Boot seinen eigenen Dickschädel.
So sorge ich heute also einmal mehr für Hafenkino und selbst auf dem Steg bleiben Menschen stehen um zu sehen, wie ich mich an das kleine Nachbarboot anlehne, während ich versuche aus der Box zu kommen. Immerhin komme ich anschliesend in Vorwärtsrichtung aus,der Reihe raus und kann meine Fahrt ohne Blessuren fortführen.

Vor der Hafenfahrt kommt dann die böse Überraschung. Ich hätte es ja wissen müssen. Wir haben nordwestlichen Wind und die Welle hat genügend Zeit sich aufzubauen. Findus springt durch die See und Gischt spritzt zu beiden Seiten empor. Das Deck ist nach zwei abgespampften Wellen bereits komplett nass und die Spritzer prasseln nur so gegen die Scheiben meiner Sprayhood. Ich muss jetzt allerdings noch mal nach vorne auf den Bug, denn beim Ablegen konnte ich nur die Leeleine am Bugkorb festzurren. Die Luvleine liegt noch lose an Deck und noch vertäut werden. Ich warte also ab, versuche Findus so in die Wellen zu steuern, dass möglichst wenig Bewegung im Boot ist und die Gischt nicht zu stark über mein kleines Boot spitzt, und taste mich vorsichtig nach vorn.

Es ist mir einfach gerade zu viel und der Wind kommt auch noch direkt von vorne. Bis Skjoldnæs motore ich und erst als ich meinen Kurs um die Nordspitze der Insel setze und der Wind nur von steuerbord kommt, hole ich ein Stück weit die Fock zum stabilisieren raus. Auf dem Lillebælt, raus aus der dänischen Südsee, wird die See ruhiger und schnell ist klar, das Schlimmste ist vorbei und ab hier kann gesegelt werden.

Kurz drehe ich in den Wind und hisse nun auch das im Hafen bereits gereffte Großsegel. Warum habe ich bloß immer so viel Angst?

Ich fühle einen permanent unterschwelligen Druck in mir perfekt sein zu müssen und ich habe wohl Angst davor, dass meine Mitmenschen erkennen, dass ich gar nicht so gut bin, wie ich in ihren Augen wohlmöglich erscheine. Vielleicht suche ich, wie jeder andere Mensch auch, Anerkennung in dem was ich tue und da diese durch manglende Kontakte oft ausbleibt, glaube ich einfach noch besser sein zu müssen.

Es sind die alten Trigger, die mich in solchen Momenten gern heimsuchen. Mein Kopf weiß längst, dass ich diesen Gedanken keinerlei Glauben schenken sollte, doch hin und wieder schleichen sie sich einfach ein und verzerren meine aktuelle Realität.

Findus rauscht den Lillebælt runter und die Zeit vergeht viel zu schnell. Heute habe ich nebenbei Musik laufen und singe schief und krumm mit. Deutsche Schlager, siebziger, achtziger, Rock und Pop. Ein Mix aus neu und alt und doch in jedem Song eine persönliche Erinnerung. Hier auf meinem Boot, wo ich ganz ich selbst sein kann, klingt die Musik anders wie im heimlichen Wohnzimmer. Lauter, intensiver, tiefer. Und die Gefühle sind frei dabei.

Wieso kann es nur nicht immer so sein?

Ich genieße die letzten Momente mit Blick auf den gleich wieder mir liegenden Horizont, während mein Kurs nun langsam aber sicher Richtung Flensburger Förde geht. So wie das Land die See beschneidet, so versucht auch mein konditioniertes Gewissen mich erneut einzunehmen. Es ist nicht leicht, doch ich gehe bewusst gegen an und flüstere leise in Gedanken meine persönlichen Mantras.

Ich bin wieder in Høruphav, wo ich die nächsten drei Tage verbringen werde.















































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