28. Mai 2026
Aus Wut wird Mut

Es gibt Tage, an denen es mir schwer fällt bei mir zu blieben. An denen mein Fokus sich verliert und meine Träume und Wünsche lauter wirken, wie das Glück, welches ich bereits innehabe. Das können auch Tage sein, an denen ich auf meinem kleinen Boot sitze, mir die Sommersonne ins Gesicht scheint und die See sich plätschernd ihren Weg am Rumpf meines Schiffes bahnt, während Findus mich treu und selig übers Wasser trägt. Es sind auch Tage, an denen mich das Licht des Abends so sanft und zart umgibt, und meine Seele mit einem unvergleichbaren Frieden nährt, während mich mein Boot in den Sonnenuntergang segelt. Ja, im Grunde lebe ich hier und jetzt gerade einen unvorstellbare wunderbaren Traum.

Einen Traum, den ich vor zehn Jahren den Mut hatte Wirklichkeit werden zu lassen. Doch wahr gewordene Träume wie diesen gilt es zu halten und nicht aus den Augen zu verlieren. Anderenfalls verliere ich mich selbst nämlich in einem ungewollten „Höher, Schneller, Weiter“. Doch das entspricht nicht meinem Selbst und so versuche ich mich im Augenblick auf mich und meine kleine Insel zu konzentrieren.

Und doch es will mir genau das heute einfach nicht gelingen. Ich höre das schallende Lachen, die heiteren Gespräche und eine ausgelassene Fröhlichkeit fremder Menschen über das Wasser tönen. Ich sehe zufrieden strahlende und glückliche Gesichter fremder Menschen in den Cockpits der langsam an mir vorbei ziehenden Boote und ich komme nicht umhin, mich gerade dafür zu schämen, dass ich einen Stich des Neides in meiner Brust spüre. Bin ich etwa eifersüchtig? Doch worauf denn? Bin ich es nicht immer, die sagt, alleine segeln führt mich zu mir selbst? Was ist denn heute so anders? Vielleicht habe ich zu viele Fakten vom Land mit aufs Wasser genommen und bekomme diese nun nicht so recht sortiert.

Ich verstehe mich selbst nicht wirklich und doch weiß ich genau, was mich gerade triggert. Ich spüre, wie ich innerlich unruhig werde und Emotionen in mir aufsteigen, die ich schlicht und ergreifend nicht haben will. Eine nicht willkommene Wut macht sich in mir breit und diese plötzlich auftauchende Energie, die, wenn ich sie nicht gegen mich selbst richten will, muss irgendwo hin. Hier und jetzt auf meinem kleinem Schiff ist das jedoch nicht so einfach.

Findus ist nur knappe acht Meter lang und dem Verhältnis entsprechend auch nicht breit. Meine PD ist ein rankes Schiff, was seine grundlegenden Segeleigenschaften für mich so attraktiv macht. Doch jetzt gerade ist es mir hier zu eng. Ich brauchte Luft zum Atmen und spüre sie gerade nicht.

Und irgendwie brauche ich Action. Doch der Wind weht nur mäßig und Findus zieht gemütlich durch die See, während der Autopilot mein Schiff steuert. Eigentlich sind das gerade genau meine Bedingungen. Ein lauer Wind und keine Welle und dazu dieses zauberhafte Licht der goldenen Stunde am Abend. Und doch möchte ich hier weg. Weg von der Förde, weg von meinem Schiff und weg von mir selbst. Doch ich weiß einfach nicht wohin mit mir.

Ich komme einfach nicht vom Fleck. Dieser Abend fällt seglerisch komplett unter die Rubrik „romantisches Feierabendsegeln“. Wenn mein Boot oft auch einfach eine Fluchtmöglichkeit für mich bedeutet, mit der ich dem ungeliebten Alltag entfliehen und meine Rollen ablegen kann, so habe ich heute das Gefühl, auch hier nicht meine erhoffte Oase vorzufinden. Mich nervt meine eigene Unzufriedenheit und neben meiner aufkeimenden Wut mischen da noch weitere Gefühle mit rein. Eine unbändige Eifersucht und die damit eingehende Einsamkeit, gepaart mit einem Anflug von Angst und einer Mischung aus Neid und Hass durchfahren mein Selbst.

Bug und Heck meines Schiffes bieten mir heute nicht die Perspektive, die ich zu brauchen scheine und so probiere ich einfach mal etwas neues aus. Ich nutze den wenigen Wind und die nicht vorhandene Welle, sowie meine Wut und diese unliebsame Energie und überwinde meine Skepsis über die Kraft und Tragfähigkeit meines Riggs.

Entschlossen steige ich auf Findus’ Baum. Nein, ich will dabei nicht hoch hinaus, ich möchte nur eine neue Perspektive einnehmen, um mich selbst wieder zu erden. Ich möchte aus dem Karussell aussteigen, was sich vorallem in meinem Kopf immer schneller beginnt zu drehen. Ich brauche ein erzwungenes STOPP in meimem System, um wieder da weiter machen zu können, wo ich eigentlich sein möchte.

Ich stehe nur einen knappen Meter über dem Deck und doch sieht mein Schiff von hier ganz anders aus. Ich sehe seine schlanke Form, das Verhältnis vom Cockpit im Verglich zur Mitte meines Schiffes. Wie klein es wirkst. Oder anders gesehen, wie breit Findus von hier aus doch aussieht. Meine Gedanken verändern sich ins Positive und nehmen nun den Raum ein, im dem ich eben noch außer mir war.

Es ist befreiend hier zu stehen und neue Luft zu atmen. Auch wenn bei weitem noch nicht alles wieder im Lot ist, so sind die unliebsamen Fragen und Gedanken vorerst in den Hintergrund geschoben. Vielleicht habe ich ein andern Mal mehr Kapazitäten mich darum zu kümmern. Hier und jetzt möchte ich einfach nur sein und mein Schiff, die Abendstimmung und mich selbst genießen.

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