Über sieben Wochen ist es nun her, dass ich Findus‘ Motor wegen zu niedriger Temperaturen eingewintern musste. Sieben ewig lange Wochen mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, mit Schnee und Eis und zugefrorener Flensburger Förde. Ein paar Mal war ich an Bord, um mein Schiff vom Schnee zu befreien, Eisplatten über Bord zu werfen und nach dem Rechten zu sehen.

Findus ist geduldig und der bisherige Winter hat meinem Boot nichts anhaben können. Dreckig ist es sicherlich, doch das ist es immer im Winter. Erst wenn das Wasser am Steg wieder durch die Hafenmeister angeschaltet wird, wird Findus eine ordentliche Reinigung bekommen.

Doch nun sind die langen und anhaltenden kalten Tage hoffentlich vorbei und lassen weder die Förde, noch den Hafen erneut gefrieren. Sieben Wochen waren einfach lang. Doch ich hatte Bedenken wegen der Leitungen des Motors, die bei kalten Temperaturen platzen könnten. Salzwasser gefriert erst bei ca -2°C und auch Brackwasser braucht in etwa 0,6°C zum Gefrieren. Doch der Motorblock ist aus Eisen und der Motorraum immer recht kalt. Mit Frostschutz war ich auf richtigen Seite.

Nun starte ich den Motor. Oder ich versuche ich es zumindest. Seit Helge, vom Motorfachdienst, im letztes Jahr dieses komische Relais ausgebaut hat, startet mein Harry nicht mehr so gut. Dieses Relais war irgendwie für den Saildrive. Doch Findus hat Welle und keinen Saildrive. Da das Relais bereits zwei mal den Geist aufgegeben hat und unendlich teuer ist, haben wir entschieden, es nicht mehr zu ersetzen. Vorher schaltete die Lichtmaschiene erst nach etwa fünfzehn Minuten zu, jetzt lädt sie sofort, was zur Folge hat, dass der Start, insbesondere bei kalten Temperaturen, verzögert und schwieriger sein kann.

Der erste Versuch missglückt. Trotz das ich den Gashebel voll durchdrücke will der Anlasser nicht zünden. Zehn Sekunden kann ich ihn unbedenklich gedrückt halten, meinte Helge mal. Doch nach zehn Sekunden tat sich nichts. Ok. Dann lieber direkt die Dekompression raus und erneut den Hebel ganz durch drücken. Er schlägt einmal. Dann nach kurzer Pause noch ein mal und dann kommt er. Zum Glück.

Ich lasse ihn eine Viertelstunde ordentlich im Leerlauf powern und bereite währenddessen alles zum Ablegen vor. Fender verstauen, Großsegelpersenning in die Backskiste, das Fall anschlagen. Bereits nach den ersten Handgriffen ist alles wieder vertraut. So als hätte ich es gestern erst getan. Leinen los und ablegen.

Ein bisschen komisch ist es dann aber doch wieder. Wie immer, wenn ich ein paar Wochen aussetzen musste. Ich muss erst wieder Vertrauen fassen. Zu meinem Boot und seinen Bewegungen. Und auch zu mir und meinem Gefühl an Bord. Ich spüre in mich hinein und gleiche Altbekanntes mit Aktuellem ab und komme schnell zu dem Schluss, dass alles genau richtig ist. Findus ist der Alte geblieben und meine Emotionen sind auch noch immer die selben.

Es ist kein Wind draußenauf der Förde. Das er spärlich ausfallen soll war mir bewusst, doch das er gar nicht kommt, ist jetzt schon nervig. Das Segel schlackert, der Motor röhrt und die kurz angedeutete Sonne hat sich auch direkt wieder verzogen. Schade. Dann checke ich eben erstmal weiter mein Schiff, bevor ich mir überlege, was ich mit diesem angebrochen Segeltörn nun machen möchte. Die Kielbolzen sind trocken, die Seeventile wie immer zu der Jahreszeit schwitzig und unterm Motor tritt Öl aus. Die Kupferdichtungen der Ölleitung müssen neu. Michi Thiesen weiß schon bescheid und hat welche im Laden. Die Tage muss ich wohl mal bei ihm vorbeischauen.

Ich entscheide mich zu Boje zu fahren. Vielleicht bleibe ich ein oder zwei Stündchen und mache es mir gemütlich. Laut Windfinder soll schließlich nachher noch ein bisschen Wind kommen kommen. Doch wie ich das Segel berge, spüre ich ihn bereits. Dennoch fahre ich auf die kleine gelbe Boje zu. Ich packe sie, befestige eine Leine und merke schnell, dass das hier heute nicht so hinhaut. Es ist die Winterboje und ich habe hier schon mal festgemacht. Doch heute habe ich das Tau des kleinen gelben Balles direkt zwischen Kiel und Skeg. Das gefällt mir heute nicht und schnell ändere ich meinen Plan wieder.

Das ist das Schöne daran, wenn man allein Unterwegs ist. Alles kann, nichts muss und und ich muss mich mit niemandem absprechen. Spontan ziehe ich das große Segel erneut hoch und hole die Genua raus. Stille. Findus segelt. Bei grauen Himmel und 4°C. Egal. Ich segle. Ich atme. Ich spüre. Und… ich lebe.

Der versprochene Wind ist wirklich da. Findus rauscht durchs Wasser und in mir beginnt Leben zu pulsieren. ich bin noch dabei. Die letzten Wochen waren nicht immer einfach, doch jetzt in diesem Moment ist alles leicht und beinahe schwerelos.

Zwischendurch flaut der Wind wieder ab und Findus verlangsamt seine Fahrt. Ich höre das Plätschern des Wassers am Rumpf, irgendwo kreischt ein Vogel und aus der Ferne ertönt ein dumpfes Klopfen der Werft. Niemand ist unterwegs. Nur mein Boot und ich.




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