So langsam wird das mit dem Wetter. Immer wieder schielt die Sonne heute zwischen der Wolkendecke hervor und bahnt sich ihren warmen Weg zu mir hinunter ins Cockpit. Findus liegt mit dem Heck gen Süden und so ist es zwar im Sommer oft schnell zu heiß, doch an kälteren Tagen genieße ich die Wärme des Energie spendenden Sterns oft bereits lange bevor das Wetter wirklich flächendeckend warm ist.

Eigentlich wollte ich heute nur etwas aufräumen. Die Backskisten einmal leer machen, kontrollieren was überhaupt so da ist und einmal durchwischen. Alles auf einen aktuellen Stand bringen und eventuelle To Do Listen anfertigen. Doch momentan kann ich an Bord nichts so wirklich beanstanden, was nicht vorher auch schon bekannt war und so keimt das Verlangen nach ein paar Meilen auf der Förde in mir auf. Denn das Wetter ist gut, Sonne und Wolken wechseln sich im Spiel des Windes und so mache ich Findus segelklar.

Es tut gut raus zu kommen. Die Sorgen an Land zurück zu lassen und die Stille auf dem Wasser zu genießen. Immer wieder mal habe ich den Gedanken, weit weg segeln zu wollen und immer wieder, wenn ich dann nahezu allein auf der Förde bin, bin ich dankbar für dieses immense Glück, das ich hier sein darf und der Wunsch in die Ferne zu segeln relativiert sich deutlich.

Immer wenn die Farben am Himmel beginnen, sich miteinander zu vermischen und ineinander fließen, dann spüre ich dieses erfüllte Gefühl des Seins. Auch im Kleinen ist es einfach nur wunderschön und ich bin fasziniert von der Vielfalt der einzelnen Farbnuancen, die das Himmelszelt sich mir immer wieder auf Neue bietet. Ich sehe, ich spüre, ich bin.

Ein Stegnachbar schickte mir neulich Bilder seiner Winterarbeiten. Arbeiten, die an Land nicht zu bewerkstelligen sind. Löcher im Rumpf für neue Borddurchlässe, Laminierarbeiten an tragenden Stellen, wo das stehende Gut verankert wird. Findus muss auch jährlich mal kurz an Land, doch zum Glück nur für die üblichen Schleif- und Polierarbeiten, welche nur wenige Tage in Anspruch nehmen. Wenn ich solche Bilder und herausfordernden Arbeiten von befreundeten Seglern jedoch sehe, dann bin ich einfach nur froh, das mein Boot aktuell keine derart gravieren Aufgaben für mich vorsieht. Zu sehr würde ich Tage wie den heutigen missen.

Der Himmel klart nun für kurze Zeit gänzlich auf und ein tiefes Blau zeigt sich als Kontrast meiner sonnengelb angestrahlten Segel. Wie schön kann ein 1. März nur sein? Noch ist es einen Monat hin, bis die offizielle Segelsaison startet und nicht wenige Schiffe werden erst zum Mai hin ins Wasser kommen und wieder ihrem Element frönen können. Umso mehr genieße ich diese traumhafte Stille um mich herum und bin insgeheim ein bisschen froh darüber, dass nicht alle Segler im Winter im Wasser bleiben.

Ob sich heute ein Sonnenuntergang anbahnen wird ist nicht so ganz sicher. Hier und da zieht sich der Himmel so schnell wieder zu, wie er den Blick auf sein Firmament freigelegt hat. Ein Wechsel zwischen Blau und dunklem Grau und immer wieder lugt die Sonne hervor und färbt die leichte Wolkendecke in zarte leuchtende Pigmente. So mag ich es am liebsten. Denn jeder Blick enthüllt eine neue Farbpalette des Himmels. Nichts bleibt gleich und die Töne, die sich mir offenbaren, wechseln stetig ihr Antlitz.

Es ist wie das Leben selbst. Mal läuft alles rund und die Welt erscheint uns rosig und wohl gesonnen und dann wieder ziehen dunkle Schleier vorüber und trüben die Stimmung. Doch nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch. Und nach jedem Regen kommt irgendwann der Sonnenschein. Manchmal sind die Übergänge dabei so fließend, dass das Licht auf der einen Seite die Dunkelheit auf der anderen wie von Zauberhand vertreibt ohne das man es bemerkt.

Am Ende braucht es nur einen kleinen Funken Helligkeit, um alles um einen herum zu erleuchten. Ein Licht in der Dunkelheit hat so viel mehr Kraft und Energie, wie das Dunkel selbst. Ein Hoffnungsschimmer, der verheißungsvoll ruft und dessen Wirkung ein Ja zum Leben ist.

Der Wind ist jetzt schwächer geworden und die Temperaturen machen deutlich, dass es eben doch erst Anfang März ist. Mir wird kalt und die letzten Meilen ist es erneut das Farbenspiel, was mich bei Laune hält und die mittlerweile kalten Füße vergessen lässt.

Hier auf meiner kleinen schwimmenden Insel kann ich den Alltag hinter mit lassen. Hier kann Ich selbst sein und vergessen, was sich an Land nicht ändern lässt. Hier kann ich sein ohne funktionieren zu müssen und ich muss nichts und niemanden etwas beweisen. Hier braucht es keine Rollen, keine Funktionen und auch keine Anpassung. Hier ist das Leben, mein Leben, so authentisch wie kaum woanders. Hier bin ich einfach zufrieden und glücklich mit mir selbst und meiner Umwelt.

Egal ob es dunkel und bewölkt ist oder hell und freundlich, die See und mein Schiff nehmen an was ist und genau darum geht es doch auch im Leben. Genau das sollten wir an Land auch öfter tun. Ob fröhlich oder traurig, ob heiter oder befangen, glücklich und zufrieden oder leer und einsam, wir sollten annehmen was ist und aufhören etwas erzwingen zu wollen, was gerade nicht dran ist.

Jeder noch so kleine Törn erfreut mich nicht nur, er bringt auch immer wieder neue Erkenntnisse mit sich. Er sortiert meine Gedanken, bestätigt mein Sein und verhilft mir so zu innerer Zufriedenheit und persönlichem Wachstum. Und ganz nebenbei schafft er Erinnerungen an mein Leben. Ein Leben, was gelebt werden möchte. Heute. Hier. Jetzt.






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