Und wieder einmal ist es einer dieser herrlichen Tage in der aktuellen Vorsaison. Der Himmel zeigt sich überwiegend in einem kräftigen Blau und nur hier und da schummeln sich leicht durchzogene dünne Wolkenfetzen an das Firmament. Das Licht der Sonne ist dabei leicht getrübt und milchig, jedoch hell und einladend. Noch immer sitzt mir der lange Winter der vergangenen Wochen in den Knochen und ich bin froh über jeden Funken positiver Energie der sich mir bietet.

Es ist also, wie es sein muss. Ich muss raus. Raus auf’s Wasser. Raus auf die Förde. Raus mit meinem Schiff und den Wind und das Wetter nutzen. Die Flensburger Innenförde ist mittlerweile so etwas wie meine persönliche Tankstelle für mein inneres Wohlbefinden gworden. Sie ist, wie ein ewiger Quell, deren Lebensgeist auf mich übergeht, sobald ich mit Findus draußen bin. Und vor allem jetzt in der Vorsaison, denn noch sind kaum Segler unterwegs. Ich liebe diese Zeit dazwischen. Die Zeit, wenn der Winter mit seiner kalten Luft von dannen gezogen ist und der Frühling langsam Einzug hält, während die Häfen in der Umgebung nur spärlich belegt sind und die überwiegende Zahl der Segler noch an Land steht.

Der Wind ist angenehm warm und weht beständig und ohne Böen. Genau so könnte es doch eigentlich immer sein. Die See ist dabei ruhig, Findus rauscht gleichmäßig durch das Wasser und der Autopilot übernimmt das Steuern, während ich meinen Kopf frei bekomme und mich erneut zu der Frau zusammensetze, die ich wirklich bin. Hier bin ich frei von all den unliebsamen Gedanken, frei von Verpflichtungen und frei von auferlegten Rollen. Immer wieder spüre ich an Bord und vorallem auf dem Wasser, dieses einzigartige Sein. Dieses Echte. Das Authentische in mir. Hier lege ich alles ab, was mir oberflächlich vielleicht stehen mag, was jedoch nicht wirklich meins ist.

Viel zu schnell kreuze ich von einem Ufer zum anderen. Wo will ich eigentlich hin? Ja, wo will ich eigentlich hin? Nicht nur heute, sondern generell im Leben. Träume, Hoffnungen und Ziele springen mit mir unbekannten Bildern durch meinen Kopf. Hier und da begleitet von einem verträumten Lächeln auf den Lippen, während andere Gedanken eine tiefe Sehnsucht und einen melancholischen Schmerzensstich in meiner Brust hervorrufen. Nicht alles, was ich mir so sehr wünsche, wird auch jemals in Erfüllung gehen können. Doch vielleicht wird es mal ein kleiner Teil dessen, was mir immer wieder meine Träume versüßt.

Heute habe ich mein Ziel vorerst erreicht. Ich mache am Steg der großen Ochseninsel fest. Bei normalem Wasserstand hat Findus hier immer noch genügend Wasser unter dem Kiel. Die Karte zeigt den „orangenen Bereich“, den ich mir bei zwei bis zweieinhalb Metern Wassertiefe selbst so markiert habe. Achtung also, aber noch keine Gefahr. Mein Tiefenmeser zeigt 0,90 Meter unterm Kiel an, was genau passt. Meine Anzeige zeigt nämlich die Tiefe unterm Schiff und bei 1,40 Tiefgang ergibt sich ein Wasserstand von 2,50 Meter.

Wie die Küste, so wirkt auch die Insel in ihren Farben noch immer etwas trostlos, denn noch fehlen auch ihr die frühlingshaften Färbungen des Waldes und des Unterholzes. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis zum Einen die grüne Farbenpracht der Küstenlinie auch hier Einzug halten wird und zum Anderen die Förde dann wieder voller weißer Segel erstrahlt und somit die Ruhe und Stille hier vorbei sein wird.

Im Sommer ankern hier oft unzählige Boote. Dicht an dicht stehen sie hier und auch der kleine Steg ist dann voll besiedelt. Kleine Segler und Motorboote stehen in Päckchen. Seitlich und vorne an. Schlauchboote und Kanus säumen den Strand und Menschen unterhalten sich und lachen. Doch heute bin ich allein.

Auch wenn ich ein leuchtendes und saftiges Grün hier auf der Insel noch vermisse, so hat der Frühling doch bereits die Vorboten seines Einzugs verteilt. Wenngleich ich auch kein Gartentyp bin, so erfreue mich doch an den kleinen Blumen, die hier sprießen. Wenn ich mich so umsehe, dann würde ich am liebsten hier bleiben. Diese kleine Insel spontan zu meiner machen. Ein kleines Fleckchen Erde, umgeben von Wasser, ruhig gelegen und menschenleer. Doch wie gesagt nur, wenn die Sommersaison noch nicht in Gange ist. Wenn die Boote erstmal alle im Wasser sind, ist es vorbei mit der Ruhe hier.

Eigens aufgestellte Shelter, ein kleines Toilettenhäuschen und eine vorbereitete Feuerstelle laden die dänische und deutsche Seite dann zum Verweilen ein. Auch ich mag Geselligkeit, doch empfinde ich sie oft auch als anstrengend und energieraubend. Schlichtes Sein kollidiert dann oft mit einem miteinander Messen, mit vorzeigbaren Erfolgen und Wertigkeit. Ich ziehe da dann doch den inneren Frieden dem kollektiven Vergleich vor.

Zwischen der großen und der kleinen Ochseninsel ist es Still. Die See liegt ruhig, während die Sonne beginnt alles in ein warmes und goldenes Licht zu verwandeln. Es ist die Stunde am Abend, die den nahenden Sonnenuntergang ankündigt und vorher noch einmal zeigt, was dieses helle und warme Gestirn an Licht und wunderschönen Farbnuancen zu bieten hat.

Nicht selten spreche ich in meinem privaten Umfeld davon, dass ich mit dem Leben an Land so meine Probleme habe. Aus irgendeinem Grund fühlt es sich nicht richtig an. Ich fühle mich fremd, irgendwie neben mir stehend und nie ganz da. Wie wenn ein Nebelschleier alles Echte verbirgt und nur wage Konturen preisgibt. Es ist, als würde mein Sein nicht richtig existieren und ich lediglich eine Marionette, geführt durch fremde Fäden, stetig dabei gelenke Aufgaben zu erfüllen.

Ich sitze am Strand und blicke auf mein Schiff. All der Winterdeck auf dem Deck und am Rumpf verblast im goldenen Licht der sich neigenden Sonne. Vor zehn Jahren kam dieser Gedanke plötzlich auf. Segeln. Ein kleines Boot kaufen und einfach los segeln. Ich hatte keinerlei Ahnung von irgendwas, doch ich wollte auf’s Wasser. Ich wollte meinem Leben eine neue Richtung geben. Die Richtung fort von jahrelanger Fremdhestimmung und hin zu mir selbst. Dieses kleine Schiff hat mich dabei stetig begleitet. Es hat mir unbekannte Wege eröffnet, neue Horizont gezeigt und mich nicht selten über meine Angst hinaus wachsen lassen. Findus hat mir gezeigt, wo der Weg zu mir selbst beginnt. Er ist ein treuer Begleiter und dafür liebe ich dieses Schiff.


Die Sonne. Der Strand. Das Licht der untergehenden Sonne und mein Schiff. Die erfüllende Stille und diese einfach wunderschöne Einsamkeit machen heute dieses Stückchen Land besonders.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht gern an Land bin. Der Geruch der Stadt, das Gedränge der Menschen und der Lärm des Verkehrs machen mich schirr wahnsinnig. Die vielen Leute, oft oberflächlich und sich ihrer Selbst nur selten wirklich bewusst, rauben mir mit ihrer Anwesenheit all meine Energie.

Doch hier könnte ich jetzt ewig sitzen und dem Sonnenuntergang zusehen. Leider stoppt die Zeit hier jedoch nicht, nur weil dieser Moment besonders schön und intensiv ist. Nein, die Erde dreht sich weiter und in wenigen Minuten wird die Sonne für den heutigen Tag hier in diesen Breiten untergegangen sein. Was bleiben wird, sind dann nur noch die Erinnerungen an diesen Abend.

Erinnerungen, die ich nur allein mit mir selbst werde teilen können. So sehr ich das Alleinsein, die Ruhe und die Stille um mich herum auch liebe, so sehr fehlt mir hin und wieder doch eine seelenverwandte Seele, mit der ich diese Momente still teilen und in Zukunft bei Bedarf immer mal wieder herausholen kann.

Noch einmal gehe ich am kleinen Stand entlang, fange Stimmungen und Orangetöne ein und halte sie in meinen Bildern fest.


Der Wind ist nun gänzlich verschwunden und ich werde die fünf Meilen zurück in den Heimathafen unter Motor fahren müssen. Doch das war es heute wert.

Ein letzter Blick, ein letztes Foto. Eine letze Erinnerung, bevor ich an Bord alles fertig mache. Bevor ich die Maschine starte, die Achterspring einhole und nochmal tief die Atmosphäre um mich herum in mich aufnehme.

Von zu Hause kommen derweil Nachrichten und Informationen, die mich in meiner Mutterrolle fordern und mich aus meinem Sein herausholen und wieder in eine Funktion zwingen. Keine Dramen, keine akute Gefahr. Nur mütterliche Sorgen, die mich innerlich auf Habacht schalten und mich von mir selbst ablenken.

Ich lege rückwärts ab und fahre ein paar Meter nach Achtern, bevor ich mein Boot auf Kurs bringe. Hier zwischen den Ochsen muss ich erstmal aufpassen, bevor ich später auf der Förde dann den Autopiloten wieder zum Einsatz nehmen werde.

Doch auf einmal stimmt etwas nicht. Findus wird langsamer, als würde mein Boot selbst bremsen. Wie kann denn sein? Hier auf dem Wasser? Und noch bevor ich realisiere, was hier gerade passiert und ich mir selbst die Antwort in Gedanken geben kann, macht es einen Ruck, der Bug neigt sich leicht gen Wasser, während das Heck leicht nach oben hüpft. Ich stehe. Ich gebe Gas, doch Findus steckt fest. Ich bin auf Grund gelaufen. Hier, wo eigentlich noch Wasser unter dem Kiel sein sollte.

Jetzt heißt es überlegen. Als erstes den „Notruf“ absetzen. Da ich mich nicht wirklich in Not befinde, geht der Anruf an SY Lille Bjørn. Findus jüngeres Schwesterschiff ist noch auf der Förde unterwegs und ich bitte ihn, mein Boot und mich von Grund ziehen. Für den Fall, dass das nicht funktionieren sollte, informiere ich einen Kollegen, der evtl die Möglichkeit hat, ein größeres Bootes mit stärkerer Maschine zu nutzen.

Anschließend gehe ich unter Deck und sehe nach den Kielbolzen. Hier ist alles in Ordnung. Kein Wasser, keine Haarrisse, keine Verformungen. Das Ruder ist frei und lässt sich bewegen. Erneut probiere ich kurz und kräftig die Maschine, aber Findus will nicht. Es hilft alles nichts und bevor ich mich durch zu viel Bewegung an Bord noch tiefer in den sandigen Boden grabe, verhalte ich mich lieber ruhig und warte ab.

Die Wartezeit verbringe ich damit, ein einfaches Lot aus dem Cockpit ins Wasser zu lassen. Mein Tiefenmeser zeigt mir hier 0,50 Meter Wasser unter dem Kiel an. Eigentlich dürfte ich hier gar nicht festkommen. Das Lot an Steuerbord zeigt 1,60 Meter, während es an Backbord nur 1,30 Meter sagt. Der Boden hier muss aufgewühlt sein. Vielleicht durch am Boden entlang gezogener Anker anderer Schiffe, die hier ihre Sommerzeit genießen. Es war jedenfalls keine Stein, der mich gestoppt hat. Es war ein seichtes Bremsen, bis die Kraft meines Motors nicht mehr ausreichte und mein Schiff zum Stoppen zwang.

Es dauert nicht lange und Lille Bjørn nähert sich langsam meiner Unglücksstelle. Ich habe mich dagegen entschieden rückwärts hier raus geholt zu werden und stattdessen eine lange Leine an den Bugklampen befestigt. Dabei musste ich unwillkürlich an unsere erste Fahrt mit Findus vor knapp zehn Jahren denken. Auch sie endete auf Grund. Damals jedoch wegen eines Motorschadens und der damit einhergehen Unmanövrierbarkeit, verbunden mit meiner noch nicht vorhandenen Erfahrung. Der Voreigner kam uns damals zur Hilfe und heute mache ich mit einem Grinsen der Erinnerung im Gesicht das Abschlepptau ähnlich um die Lippklampen fest, wie es damals der Hansemann tat.

Lille Bjørn gibt Gas, ich stelle mich nach Steuerbord an die Wanten und versuche mit meinem Gewicht das Schiff leicht zu Krängen und direkt merke ich, wie Findus langsam frei kommt und wieder schwimmt. Ich bin erleichtert, wenngleich die Sorge um mein Schiff bleibt. Eine erneute Kontrolle der Kielbolzen, des Motorraums, sowie der Steuerung zeigt: alles ok. Unter Maschine fahre ich nun im Dunklen zurück und meine Ehrfurcht für die See und das, was ich hier mache, ist jetzt in diesem Moment um einiges größer wie sonst.

Die Position an der ich auf Grund stand zeigt auch auf dem Satellitenbild keine zu geringe Tiefe an. Es bleibt mir also ein Rätsel, warum Findus hier ausgebremst wurde und dann doch genug Wasser unterm Kiel hatte, obwohl er fest auf Grund stand.

Ein Anruf bei meiner Versicherung verriet mir, dass es im Vetrag vorgesehen ist, dass sie bei Grundberührung für die anfallenden Krankosten aufkommen würden. Ein beruhigendes Gefühl und so bringe ich Findus am Abend des darauffolgenden Tages zum Kran, damit mein Schiff am Morgen direkt aus dem Wasser geholt werden kann.

Es ist ein blödes Gefühl Findus hier über Nacht stehen zu lassen, doch für den nächsten Tag ist starker Nebel angesagt und das muss nun auch wieder nicht sein, dann in aller Herrgottsfrühe allein unterwegs zu sein.


Wie ich am Morgen zum Kran komme, hängt Findus bereits in der Traverse. Es ärgert mich, denn viel zu früh und übereifrig haben die Mitarbeiter wenn auch nur eine Viertelstunde zu früh, jedoch ohne mich begonnen an meinem Schiff zu arbeiten. Ich kann das überhaupt nicht leiden, wenn jemand auf meinem Schiff ohne mein Zutun hantiert. Mir fehlt hier einfach das Vertrauen und ich empfinde es als respektlos, wenn ein Gewerk sich ohne mein Beisein und ohne Absprache auf meinem Eigentum an die Arbeit macht. Ich mache das Meiste ohnehin lieber selbst und verlasse mich ungern auf andere.

Ich habe keinen Überblick darüber, ob die Ausleger der Traverse an Findus‘ Wanten gehauen sind oder wie an der Rolle des Achterstags gezerrt wurde. Ich verliere hier ein Stück weit die Kontrolle über Dinge, die ich für den weiteren Verlauf der Haltbarkeit und der Wartung an Bord als wichtig erachte.

Sei es drum. Findus schwebt im Nu in der Luft, auf dem Weg an Land, und mir geht das alles zu schnell. Ich höre ein Knacken, kann es aber nicht lokalisieren, während ich die Vorleine halte und mein Schiff an Land führe. Waren es die Wanten? Ist etwas im Bauch des Schiffes umgefallen? Oder ist da doch was am Kiel? Wo wirkt die Schwerkraft eigentlich mehr? Im Wasser oder an Land? Macht Gravitation da einen Unterschied? Plötzlich fühle ich mich ganz klein und unwissend, während mein Schiff über mir hängt und seinem Element entrissen ist. Und ich fühle mich so unsicher. Und allein.

Der erste Blick geht auf’s Grobe. Der Kiel hängt ordentlich dran. Das Unterwasserschiff ist immer noch herrlich sauber. Keine einzige Pocke klebt am Rumpf und auch Schleim hat sich noch nicht so viel gebildet. Ich binde die Vorleine ans Geländer und Findus schwebt über dem Boden. Erste Kratzer an der Kielbombe sind direkt sichtbar. Das Antifouling ist abgekratzt und ich sehe die leichten weißen Striemen der Grundierung.

Zwanzig Zentimeter in etwa muss mein Schiff im Boden gesteckt haben, denn so weit gehen die Kratzspuren zu beiden Seiten hoch. Der dicke vordere Teil des Kiels ist breit und erklärt, wieso mein Schiff so abrupt gebremst hat.

An der Aufhängung des Kiels kann ich äußerlich keinerlei Risse erkennen. Was ich natürlich nicht sehen kann ist, wie es unter dem Antifouling und unter der Grundierung aussieht. Mir fehlt die Erfahrung sagen zu können, was sich wann und wie zeigen würde. Findus ist alt. Fast fünfzig Jahre bald. Die Kielnaht ist überlaminiert und der Übergang bei Weitem nicht mehr so glatt wie die Unterwasserschiffe neuerer Boote. Ich bin kein Experte, um hier eine fundierte Aussage treffen zu können. Auf den ersten Blick scheint für mich jedoch alles ok zu sein und würde ich das Schiff so heute kaufen, würde ich es als in Ordnung befinden.

Ganz unten tut sich allerdings ein dicker und einen halben Zentimeter tiefer und ca 30 Zentimeter langer Kratzer auf. Der überlaminierte Kiel hat sich hier an etwas stärkerem gerieben und das Laminat der Glasfasermatte wurde beschädigt. Darunter sitzt das Eisen. Ob das nun schlimm ist, kann ich nicht beurteilen. Meinem Perfektionismus jedoch behagt diese Stelle nicht. Kann sich da jetzt nicht Wasser per Kapilarwirkung durch die Fasermatten ziehen und so in Richtung Kielnaht wandern? In meinem Kopf überwerfen sich die Szenarien.

Mein Boot ist augenscheinlich jedoch in Ordnung und auch die Versicherung sieht hier keinen akuten Handlungsbedarf. Der Kratzer sollte zwar bei Zeiten beseitigt werden, doch das kann ein paar Monate warten. Findus ist ok. Ich habe wohl nochmal Glück gehabt. Doch ich muss achtsamer sein. Achtsamer mit meinem Boot. Und achtsamer mit mir selbst.


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