14. August 2025
Leb‘ wohl Leo

Nun ist es also sehr viel früher wie gedacht passiert. Leo ist von uns gegangen. Für immer.

Seit Anfang der Saison wusste ich es. Leo ist unheilbar krank und seine verbleibende Zeit liegt bei ungefähr einem Jahr. So war zumindest der Plan. Ein paar Mal konnte ich ihn noch sehen und mit ihm sprechen und ich hätte es gern noch öfter getan.

Die letzten Wochen habe ich mich oft gefragt, wie ich es wohl erfahren würde, wenn es eines Tages soweit sein wird. Doch ich hatte Angst davor Leo direkt zu fragen, wie ich es mitbekommen könnte, wenn er gestorben sein wird. Sowas fragt man doch niemanden. Und ganz nebenbei, welches Recht hätte ich, es zu erfahren und nicht einfach mitzubekommen? Ich bin nur eine von vielen Seglern in „seinem“ Hafen.

Doch nun ist es passiert und ich musste es „ganz nebenbei“ auf Facebook lesen. Es hat mich wie ein Blitz getroffen. „Leo ist heute leider verstorben“ stand da in der FB -Gruppe der dänischen Südsee. Kann das sein? Er ist tot? Mit sowas macht man ja keine Scherze, aber kann das wirklich sein? Ist es wirklich kein Irrtum? Nein, es ist wirklich wahr. Leo ist von uns gegangen. Für immer.

Auch Leos Licht wird über Søby strahlen

Dabei hatte er doch noch Pläne. Er träumte einen letzten Traum, in dem er seinem Sohn und seinen Enkeln das Segeln beibringt. Nicht auf der Karte. Nicht in der Theorie, sondern mit Gefühl. Navigieren nach Kompass, anhand von Kursen und Landmarken. Ohne GPS. Das Boot und das Segeln spüren. Die See, die Weite, Wind und Wellen. Er hatte bei meinem letzten Besuch von einer Olsen 8:8 geschwärmt. Sie hätte genügend Platz für ihn und seine Familie. Ich hätte es ihm so gewünscht. Seine Augen strahlten so, wie er davon erzählte.

Café Arthur

Ich höre seine alten „Seemannsggeschichten“. Höre seine Stimme wie er von früher erzählt. Von seinem Sohn, wie dieser klein war, von seinen eigenen Abenteuern, von seinem Leben. Seine Kindheit, seine Eltern, seine unzähligen Jobs, seine Freunde, seine Geschwister. Ich sehe einen starken bärtigen Mann, dessen Erscheinungsbild mich bei unserer ersten Begegnung vor über acht Jahren erschreckt hat, doch dessen Kern so viel Weichheit und Verständnis inne hatte, dass wir auf einer Wellenlänge lagen. Dessen Leben geprägt war von Härte und von Leid und der die Welt trotz seiner persönlichen und oft unschönen Erfahrungen mit seinem Sein für so viele ein Stückchen besser gemacht hat. Er hat es geschafft, das Schlechte hinter sich zu lassen und das Gute weiterzugeben.

Leo war in Søby immer da, wenn ich ihn brauchte. Er hörte zu, erzählte mutbringende Anekdoten und seine Geschichten, auch wenn sie nicht zum eigentlichen Thema passten, zeugten von Weisheit und Positivität. Er brachte mich zum Nachdenken und baute mich in dunklen Tagen wieder auf. Er hegte keinen Gräuel und suchte keinen Schuldigen für das, was in der Vergangenheit geschehen ist. Stattdessen blickte er nach vorn und verteile Hoffnung und Wärme.

Kaffeetreff im Havnekontor

Er zeigte mir und meinen Kindern die Insel. Fuhr mit uns zum Leuchtturm Skjoldnæs und an die Südwestküste nach Voderup Klint. Er brachte meinen jüngeren Sohn und mich nach Ærøskøbing ins Krankenhaus und fuhr meinen älteren Sohn und mich mit dem Auto nach Flensburg, weil mein Bootsmotor versagte und kein Bus von Fynshav mehr fuhr. Er schenkte meiner Tochter eine Marionette, „die alte Eier-Getrud“ und wir werden sie in Ehren halten.

Skjoldnæs Fyr

Er hatte im Hafen immer das Wetter parat, war um keinen flotten Spruch verlegen und kannte „seine“ Segler. Er war die Prominenz im Hafen und nicht selten schielten Fremde zu uns herüber, wenn wir auf der „Lügenbank“ vorm Havnekontor oder im Arthurs saßen. Man kannte ihn, einen der letzten echten Hafenmeister in der dänischen Südsee.

Die „Lügenbank“ vorm Havnekontor

Seine Abendrunden in den Sommermonaten zogen sich ewig, denn er widmete jedem seine Zeit. Vor ein paar Jahren noch hörte man ihn immer kommen, wenn seine Runde begann, denn er hupte jedes Mal, wenn er mit seiner roten Mofa zum Hafen kam. Später fuhr er elektrisch, doch sein Gefährt, ebenfalls rot, parkte er immer an der selben Stelle.

Seine „Elektro-Mofa“

Er ist einer der Menschen, die ich in Erinnerung behalten werde. An den ich jedes Mal denken werde, sobald ich die Hafeneinfahrt von Søby, von Seeseite kommend, passieren werde. Leo ist ein Teil meiner Erinnerungen und ich bin froh und glücklich darüber, dass ich ihn kennenlernen durfte.

Unser letztes gemeinsames Bier

Leb‘ wohl mein Freund.

Det er rigtig. Søby vil ikke være det samme uden dig.

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Nachruf, der wohl vielen von uns aus der Seele spricht.

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  2. Sehr schöne Worte und eine liebevolle Erinnerung an den guten Leo 🥰

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