Ein stiller Seufzer. Ganz leise und heimlich. Nur für mich. Wenn ich nicht alleine bin, unterdrücke ich meine wahren Gefühle oft, denn ich habe gelernt, wie unverständlich sie im direktem Kontakt mit anderen sind. Ich habe jahrelang versucht mich zu erklären. Habe mich um Kopf und Kragen geredet, nach Worten gesucht und bin doch immer wieder auf taube Ohren gestoßen. Es hat mich viel an Kraft und Energie gekostet und mir mein Sein selbst klein gemacht. Die Konditionierte Welt ist eine Welt mit wenig echten oder gar tiefen Emotionen.

Es ist frisch geworden über Nacht und die Außentemperatur liegt nur noch bei 10°C an diesem Morgen. Im Salon meines Schiffes ist es kühl und es zeigt sich nun eine erste Feuchtigkeit in Form von Dunst an den Fenstern. Dieser Sommer neigt sich unverkennbar dem Ende und während ich die winzigen Wassertropfen auf dem Fensterglas mit einem Tuch entferne, begrüße ich mit einem Lächeln den nahenden Herbst.


Ein letzter Gang durch den Hafen. Stille. Einfach nur eine traumhafte und einladende Stille. Ich blicke mich um und sehe die vertäuten Boote in ihren Boxen liegen, wobei sich ihr meist heller Rumpf im Morgenlicht auf dem Wasser spiegelt. Ich beobachte die Schwalben mit einem Lächeln, wie sie nur knapp über der Wasseroberfläche nach Keinstinsekten schnappen und flink hin und her fliegen. Sie zwischern aufgeregt und ihr zartes Trillern ist ein so wunderschöner Gesang in meinen Ohren.

Ich sehe die aufgehende Sonne, deren erste Strahlen mich bereits warm zur Begrüßung umarmen. „Guten Morgen“ flüstert eine Stimme in mir ihr lautlos zu.

Das Ufer ist gesäumt von Bäumen, deren riesige Kronen, in kräftiges Grün gehüllt, einen starken Kontrast zum strahlend blauen Himmel bilden. Beständig stehen sie dort. Alt und weise und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Ihr Blattwerk steht still. Es weht kein Wind, der ihre zarten Ästen zum Abschied winken lässt.

Ich blicke mich um. Schaue hier und schaue dort. Es ist kein Abschied für immer, so hoffe ich jedenfalls, und doch fällt es mir schwer, diese aktuell letzte Etappe meiner vierwöchigen selbstbestimmten Zeit heute antreten zu müssen. Meine Gedanken fahren Achterbahn und sind hin und her gerissen zwischen dem, was auf mich wartet und dem, was ich im Hier und Jetzt spüre. Es ist die Gratwanderung zwischen Konditionierung und Selbstbestimmung, zwischen Eigen- und Fremdverantwortung. Es ist die Suche nach dem Platz meines Seins in einer Welt, die mir zunehmend fremd erscheint.

Es hilft alles nichts. Lennart ist nun auch wach und ohne Wind verlassen wir den Hafen von Høruphav.


Trotz der vorherrschenden Flaute setze ich die Segel. Ich habe Hoffnung. Und ich möchte segeln. Doch weder der Kurs, noch der Wind erlauben ein stetiges Vorankommen und so dümpelt Findus mehr auf der Stelle, als dass die See an uns vorbei rauscht. Es scheint fast so, als wolle auch mein Boot nicht zurück. Denn auch Findus wird wissen; erstmal wieder im Heimathafen angekommen, sind sie vorbei, die Tage voller Abenteuer und Vergnügen, voller Glück und echtem Sein. Ungewollt und irgendwie gezwungen freiwillig kehren wir zurück und fügen uns dem, was die Gesellschaft von uns erwartet.


Mein Sohn nutz nach kurzer Zeit die Gunst, macht es sich im Cockpit bequem und schlummert ein im Schein der Sonne, während ich mir einen Kaffee aufbrühe und beginne in meinen Gedanken zu wühlen, sie zu sortieren und die letzten Wochen Revue passieren lasse.

Vier Wochen segeln. Das alleine ist bereits eine Form von purem Luxus. Mehr geht sicherlich immer und ich beneide jene, deren Leben es ihnen ermöglicht, zwei oder drei Monate oder gar Jahre nicht zurück zu müssen. Doch hingegen mich immer nur an denen zu orientieren, die es an manchen Stellen ihres Lebens augenscheinlich besser getroffen haben wie ich, versuche ich mich immer wieder in Dankbarkeit zu üben. Und dankbar bin ich durchaus für die letzten Wochen und Tage.

Allein an Bord. Selbstbestimmt. Hier und da eine unbegründete Angst und dann doch der Mut loszufahren. Stille genießen und Einsamkeit aushalten. Glücklichsein und Traurigkeit. Ein Cocktail aus Emotionen. Ich war euphorisch und überschwänglich und voll positiver Energie. Und dann wieder tief traurig und vollkommen leer. Ich wusste oft nicht wohin mit meinen Gefühlen und habe sicherlich das eine oder andere Mal überreagiert und es nicht geschafft bei mir selbst zu bleiben. Doch wer kann das schon? Ausschließlich und immer?

Überwältigt von der Schönheit auf See. Die Küsten Dänemarks, die Weite des Kattegats, die Landschaft Schwedens. Es sind immer nur winzige Einblicke in eine riesige Welt und doch spüre ich immer wieder eine tiefe Demut vor dem Großen und Ganzen. Grenzt es nicht an ein Wunder, teilhaben zu dürfen mit meinem kleinen Leben?

Die emotionale Freiheit in mir selbst jedoch ist es, die mir diese Liebe überhaupt erst ermöglicht. Es ist wie ein Geben und Nehmen. Eine Liebe, die im Einklang steht mit dem, was mich umgibt. Das eine geht auf Dauer nicht ohne das andere und mein kleines Boot ist es, was mir die Möglichkeit schenkt, mich diesen Schwingungen aussetzen zu können. Vielleicht liebe ich Findus deshalb so sehr, weil mein Boot mir die bestmögliche Chance bietet, inmitten dieser Welt Sein und teilhaben zu können.

Das, was gerade noch als leichte Brise in Findus‘ Segeln zu spüren war, lässt nun vollkommen nach. Ich hatte gehofft, bis zur Innenförde vorm Wind kreuzen zu können, doch es ist müßig, das Unumgängliche noch weiter rauszögern zu wollen. Bevor ich die Segel jetzt jedoch streiche und den Motor starte, befülle ich Findus‘ Tank mit einigen weiteren Litern Diesel. Viel zu oft musste ich in den letzten Wochen meinen kleinen Kanister befüllen, um auch ohne die Kraft des Windes voran zu kommen. Doch nach den Erfahrungen oben zwischen Gilleleje und Höganäs ist mir die Flaute und das Summen meines Motors doch lieber, wie die unaufhörlich heran rollende Welle, die mein Boot zum Spielball ihrer Kräfte macht. Zu viel Wind bremst mich eben auch aus.

Die Innenförde wirkt wie eine Einbahnstraße. Mein älterer Sohn nannte sie neulich eine emotionale Sackgasse, womit er den Nagel direkt auf dem Kopf getroffen hat. Am Ende der Förde wartet eine andere Welt und meine Aufgabe wird es erneut sein, mich in dieser Welt zurecht zu finden.

Doch vorerst werfe ich einen letzten Blick zurück. Danke. Danke liebe Welt, liebes Universum, dass ihr mich habt teilhaben lassen. Danke für all die wunderbaren Eindrücke, die schönen Erlebnisse und Gefühle und danke, dass ich durch euch mich selbst finde. Danke auch an jene, die mir zuhören und mir auch an dunklen Tagen Kraft und Mut spenden. Danke, dass es euch gibt….



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