Was mit Findus los ist, lässt mir an diesem Morgen keine Ruhe. So kann und will ich einfach nicht weiter. Ich fühle mich unsicher im Umgang mit meinem Schiff. Die zögerlichen Reaktionen, die Kraftlosigkeit und Trägheit meines Bootes lassen mich nicht nur an Findus, sondern auch an meinen eigenen Fähigkeiten zweifeln. So sind wir einfach nicht das Team, was sonst in Harmonie und aufeinander abgestimmt unterwegs ist.

Ist es wirklich nur der Bewuchs, der mein Boot so langsam macht? Kann es wirklich von dem rauen Unterwasserschiff kommen, dass die Drehzahl derart stagniert? Ein Taucher war vor fünf Wochen doch erst da und hat das Ruder, den Skeg und die Schraube frei gekratzt. Er meinte, diese Saison würde das mit dem Unterwasserschiff so gehen, aber zur nächsten sollte das Boot auf jeden Fall wieder raus.

Macht ein leicht bewachsener Rumpf am Ende also doch so viel aus, dass selbst unter Volllast nicht mehr an Kraft rauszuholen ist? Ich kann mich erinnern, dass Findus, wie ich ihn vor neun Jahren gekauft habe, extrem bewachsen war und nur mit etwas über einem Knoten voran kam. Doch ich weiß nicht mehr, wie sich das mit der Kraft damals verhielt und einen Drehzahlmesser hatte das Boot zu der Zeit auch noch nicht. Ich hatte damals ohnehin keinerlei Erfahrung und somit heute auch einfach keine richtigen Vergleichswerte in dieser Hinsicht.

Mit meiner einfachen GoPro filme ich das Unterwasserschiff und tatsächlich sitzen flächendeckend Pocken auf den Flügeln des Propellers. Sollte der nicht eigentlich besser aussehen nach dem Tauchgang vor fünf Wochen? Auch der Wellenbock ist voll mit diesen kleinen Biestern und auch mit der Hand fühle ich am Rumpf direkt unter der Wasserlinie ebenfalls raue Pocken. Wer weiß, wie es weiter unten noch aussehen mag. Liegt das nun an der Sonneneinstrahlung, die den ganzen Tag auf Findus‘ Heck scheint und dem aufgewärmten Wasser im Hafenbecken oder ist es das Ergebnis dessen, weil in diesem Jahr kein neuer Antifoulinganstrich erfolgte?
Ich ärgere mich einerseits über meine Unwissenheit, über meine Feigheit nicht selbst zu tauchen und darüber, dass ich Findus in diesem Frühjahr nicht aus dem Wasser geholt und neu gestrichen habe. Meine notgedrungene Knauserigkeit hat mir das hier eingebrockt und zum ersten Mal seit neun Jahren fühle ich mich überfordert mit meinem Boot und frage mich, wie lange ich mir mein Schiff überhaupt noch leisten kann. Zum anderen zweifle ich stark an mir selbst und an meinen Vertrauen in mich und an meine Umwelt. Zu viel ist in den letzten Wochen und Monaten schief gelaufen. Wie sollte ich das mit dem Boot gut hinbekommen, wenn alles andere gerade auch komplett aus dem Ruder läuft? Irgendwie ist gerade die Luft raus und ich versuche verzweifelt an allem Ecken und Enden zu flicken, was noch irgendwie zu retten ist.

Auf dem Steg gegenüber sehe ich untersessen den Hafenmeister von Høruphav bei seiner Morgenrunde. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er einen Taucher kennt, der hier aushelfen könnte? Wiegesagt kann und will ich so mit meinem Boot nämlich absolut nicht weiter. Aber weiter möchte ich schon gerne. Ich weiß schließlich, dass ich „da draußen“ die Freiheit habe, wieder mehr zu mir selbst zu finden und so die dringend nötige Kraft und Energie aufnehmen kann. So war es die letzten Jahre schließlich immer und ich sehne mich so sehr nach mir selbst und meinem Sein. Doch ohne Reaktion im Schiff, habe ich einfach zu große Angst, dass etwas schief geht. Eine Böe beim Hafenmanöver und Findus ist vollkommen außer Gefecht. Einen kaputten und ausgerissenen Heckkorb hatte ich gerade erst und brauche jetzt garantiert keine weiteren Baustellen in diese Richtung. Bei zu viel Wind und Welle und auch bei Flaute muss und will ich mit der Maschine voll rechnen können. Im schlimmsten Fall könnte ich draußen sonst in Legerwall geraten und hilflos aufs Land getrieben werden. Nein, da muss dringend was passieren, bevor ich irgendwo hin weiter kann.
Ich spreche Lars also direkt an und in der Tat kennt er einen Taucher. Er will sich im Laufe des Tages darum kümmern und mir später Bescheid geben. Das sind doch mal gute Nachrichten und sie geben mir wieder ein wenig Hoffnung.

Einem unerwarteten Motivationsschub und einer wirren Idee folgend, pumpe ich das SUP Board auf, was noch von der Woche mit den Mädchen an Bord ist, und liege nur wenig später bäuchlings auf der Wasserlinie. Mit Hilfe eines Schrubbers von Bekannten versuche ich mühselig am Unterwasserschiff zu bürsten. Doch ziemlich schnell erkenne ich, dass es sich hierbei um vergebene Liebesmühe handelt. Entweder treibt Findus weg oder ich schiebe mich auf dem SUP Bord von meinem Schiff fort. Obendrein ist es wackelig und der Gedanke ins Wasser zu fallen, behagt mir auch nicht wirklich. Ich muss mir eingestehen, dass keinen Sinn hat hier irgendwas erreichen zu wollen und ich die Pocken an Findus‘ Rumpf dann doch lieber einem Profi überlassen sollte.

Nun heißt es also warten bis der Taucher am Abend kommt.

Die Umgebung von Høruphav ist mir nach mittlerweile unzähligen Besuchen hier im Hafen zwar so vertraut, dass es kaum noch etwas neues zu entdecken gibt, doch der Zauber der mich auf meinem Weg rund den Hafen umgibt ist ungebrochen. Ich mag es hier und die vertraute Landschaft gibt mir ein zartes Gefühl von Geborgenheit. Das Licht, die Farben und die Stille sind es bei jedem Besuch, die mich hier gern verweilen lassen. Nur selten kommen Menschen vorbei und meist eilen sie nur schnellen Schrittes vorüber und verpassen dabei die Schönheiten der hiesigen Natur.

Soll ich in diesem Sommer weiter segeln oder es einfach sein lassen? Wo will ich überhaupt hin? Welche Ziele verfolge ich gerade? Will ich in die dänische Südsee? Es ist Hochsaison und die Häfen sind voll mit deutschen Seglern. Ich bevorzuge doch eher das Alleinsein, auch wenn mir gleichgesinnte Gesellschaft hin und wieder schon sehr fehlt. Soll ich es rund Fyn versuchen? Die Häfen auf dem Weg kenne ich weitestgehend und der im Moment doch überhand nehmenden Angst im Unbekannten versagen zu können, könnte ich so aus dem Weg gehen. Aber dann? Wie soll es dann weiter gehen?

Ich weiß, dass mich diese Gedanken nicht zum ersten Mal ins Grübeln bringen, doch in diesem Jahr ist irgendwas alles anders. Vielleicht liegt es daran, dass ich Findus vernachlässigt habe und mein Schiff mir aufgrund dessen im Augenblick nicht die Sicherheit vermittelt, die es mir die letzten Jahre zuverlässig gegeben hat. Vielleicht liegt es aber auch an meiner persönlichen Situation. Die vielen ungeklärten und offenen Fragen über meine finanzielle Zukunft, die neuesten Erkenntnisse und Enttäuschungen im Zusammenhang mit Menschen und auch meine ganz eigene emotionale Entwicklung lassen mein immerzu kreisendes Gedankenkarussell kaum zur Ruhe kommen und ich bin zu sehr hin und her gerissen, um eine konstante und erfüllende Entscheidung treffen zu können.

Ich weiß gerade einfach nicht, welchen Weg ich gehen soll und diese Gefühl vollkommener Unsicherheit überträgt sich einfach auch auf’s Segeln.

Es ist früher Abend geworden, doch bis der Taucher kommt dauert es noch immer. Ich schlendere durch den Hafen, spreche mit neuen Bekannten, inspiziere deren Motorboot und höre mir Geschichten an, während die Zeit langsam voranschreitet. So nett auch alle sind und so freundlich sie mir gesonnen sind, mir fehlt dennoch etwas. Die tiefe Verbindung, dieses Gefühl, irgendwie ein Richtigsein und ein Ankommen. Ich weiß nicht, ob es das jemals geben wird oder warum ich es nirgends wirklich zu spüren vermag. Vielleicht ist dieses Verlangen, dieser Wunsch, dieses Empfinden nicht von dieser Welt. Ich weiß es nicht.

Während ich noch immer warte, genieße ich die mittlerweile eingetrete Stille bei mir an Bord mit Pommes und Backfisch. Ich versuche es mir gut gehen zu lassen zu weit das aktuell eben möglich ist. Auch wenn mir permanent eine leise und missgönnende Stimme in meinen Gedanken Vorwürfe zuraunt und versucht mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

Um punkt 20 Uhr klingelt endlich mein Telefon und Lars gibt bescheid, dass er nun mit dem Taucher runter zum Hafen kommt. Zwei weitere Bootseigner melden direkt ebenfalls Bedarf an, was das Ganze für mich am Ende günstiger machen wird.

Was für unheimlich nette Menschen mir hier gerade begegnen. Hans-Christian, der dänische Taucher, schabt und kratzt am Rumpf meines Schiffes und nur die Luftblasen seines verbrauchten Atems im Wasser zeigen an, dass er da unten ist. Es dauert scheinbar ewig und am Ende meint er, dass tatsächlich alles voll war und er nun das Schlimmste entfernt hat.

Um sicher zu gehen, dass Findus nun wieder einigermaßen fit ist, fahre ich direkt eine Runde aus dem Hafen. Ich lege einmal den Hebel auf den Tisch und fahre mit Vollspeed meine Kreise. Die Drehzahl kommt soforr und auch die Geschwindigkeit baut sich direkt auf. Findus ist wieder da.

Ich bin total geflasht an diesem Abend. Die Menschen, die ich in den letzten Tagen getroffen habe, haben mir gezeigt, dass die Community tatsächlich so laufen kann, wie ich mir das vor Jahren einst ausgemalt hatte. Ein freundliches Miteinander, eine Hilfsbereitschaft die nicht auf Gegenleistung beruht und Respekt und Anerkennung für die jeweiligen Möglichkeiten.

Nicht immer muss alles nach Plan laufen, denn zumindest heute konnte ich auch dem vermeindlich Negativen etwas Positives abgewinnen.



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