4. Juli 2019
Einblick in die Hölle

Oder wie sonst beschreibt man soetwas?

Ich hatte das erste Mal wirklich Angst. Da war kein Kribbeln mehr im Bauch. Da war kein Überlegen. Da war einfach keine Zeit für Gedanken. Da war nur Zeit zu Handeln. Und zwar unmittelbar.

Nach etwa 20 Meilen geilstem Segeln und ’ner Spitzengeschwindigkeit von 7,9!!!!! Knoten habe ich gerade noch die Segel bergen können. Die See wurde rauer. Die Wellen höher. Die Wolken brachten Wind. Viel zu viel Wind. Böen pfiffen über uns hinweg. Anhaltende und kräftige Böen. Die anrauschenden Wellen waren überzogen mit sich kräuselnden Miniwellen. Wir mussten in den Wind um die Segel bergen zu können. In den Wind bedeutete quer zur Welle.

Mein 14jähriger an der Pinne, die Mädels unter Deck. Ich hab das Segel kaum bändigen können. Das Boot sprang förmlich und ohne festhalten ging nichts. Wellen von irrem Ausmaß. Das Boot stampfte nur so. Am Mast klammernd war ich kurzzeitig nicht sicher, ob ich das Segel überhaupt irgendwie festbinden kann. Hier braucht es keine Ästhetik mehr. Es ist egal, ob das Segel ordentlich runterkommt oder wie es zusammen gelegt ist. Wichtig ist nur, dass die Gummizeisinge, die fürs schnelle bergen bereit liegen, irgendwie das Segel am Schlagen hindern.

Lennart hält Kurs. Bei den Wellen war es wahrscheinlich besser zu stampfen. Seitlich hätten sie uns umgeworfen. Noch am Mast klammernd sehe ich wie der Bug im Wasser verschwindet. Unheimliche Gischt springt Backbord und Steuerbord empor. Eine unbeschreibliche Kraft und man selber vollkommen machtlos und nur damit beschäftigt den nächsten Halt zu finden. Doch Findus lässt sich nicht unterkriegen. Kommt wieder hoch um abermals empor zu steigen.

Ich muss wegen der Festmacherleinen nach vorn. Sie waren nicht gut vertäut und lagen im Wasser. Bei laufendem Motor ein Risiko. Nicht das sie in die Schraube gelangen. Festgekrallt am Bugkorb geht das Boot höher und höher, bis es den Kamm der Welle erreicht hat. Es ist wie im Alptraum. Diese absolute Machtlosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Einfach da zu hocken und geschehen lassen, was gerade passiert.

Das Boot saust die Welle hinab. Unendlich tief geht es. In ein schwarzgrünes Wellental. Ich sehe nichts als den Abgrund. Wasser. Es schießt um meine Beine. Ich stehe mehrere cm tief im Wasser. Der gesamte Bug, das Trittbrett und der erste Meter des Decks tauchen mindestens 30 cm ins Wasser. Ich halte mich fest, bin pitschnass und weiß für Sekunden nicht, was ich tun soll. Ich hocke nur da. Auf meinem Schiff und IM Wasser. Das Szenario wiederholt sich ein paar mal. Erst dann beruhigt sich kurz die See und ich kann die Leinen vorn wenigstens aus dem Wasser holen. Immer wieder auf die Wellen voraus schauend, eine Hand am Schiff. Am Bugkorb, an den Handläufen, den Wanten, oder der Reling, krabbele ich zurük ins Cockpit und übernehme die Pinne. Ein Höllenritt.

Soetwas habe ich echt noch nie erlebt. Der Windanzeiger hat über 30 Knoten gezeigt. Es war abzusehen, da ’ne fette schwarze Wolke kam. Es war klar, dass es windig wird. Deshalb habe ich die Segel geborgen. Aber was tut man in einer solchen Situation? Meilen entfernt vom Land. Wohin wenn nix in der Nähe ist?

20 Meilen zuvor war alles anders. Von Lyø los sind wir bei moderaten Bedingungen. Dr Hafen führte kein Schwell mehr. Draußen waren keine Schaumkronen mehr zu sehen. Der Wind hatte nachgelassen. Die Vorhersage stimmte. Alina muss zurück ans Festland. Wenn nicht heute, wann dann. Besser wird es nicht. Eher wieder schlimmer. Der Kleine Belt hatte bei nordwestlichen Winden über 6-7 Windstärken tagelang Zeit seine Wellen aufzubauen.

Achterliche Wellen und 15 Knoten Wind beachten Findus gut voran. Nur das Vorsegel draußen rauschte mein Boot durch das Wasser. Dabei immer wieder auf den Wellenkämmen surfend und in Geschwindigkeiten die Spaß machen. Angst oder Unbehagen waren dabei nie zu spüren. Hier habe ich mein Boot im Griff und genieße das Segeln. Den Kindern macht es ebenfalls Spaß. Nicht selten sind wir so zackig unterwegs, dass die sich brechende Gischt ins Cockpit spritzt. Hier und da haut ’ne Welle gegen die Bordwand und verteilt ihre kalte Dusche. Wie gut, dass wenigstens ich mein Ölzeug anhabe. Bis Kegnæs runter bleibt der Wind konstant. Dann lässt er nach, so dass ich entscheide, das Großsegel zu setzen. Mittlerweile am Wind kommen wir zwar nicht mehr ganz so fix voran, aber wir haben Zeit. Bis der Wind und die Wellen kamen.

Der Himmel zeigt ein blaues Stück. Bald wird es ruhiger. Unser Ziel ist Høruphav. Festland. Es ist kalt und ungemütlich. Aber wenigstens hat der Regen uns verschont. Der Wind frischt kurz nochmal kurz auf, bevor wir im Hafen anlegen. Hørup liegt gut geschützt. Nach 28 Meilen endlich angekommen.

Noch Stunden später sehe ich bei geschlossenem Augen die dunklen Wellen wieder und wieder auf mich zurollen. Wellenkamm und Wellental. Tief und schwarz und voller Macht.

7 Kommentare

  1. Sehe es positiv. Nach so einem Ritt weist Du, dass Du und das Schiff so etwas überstehen, ohne Schaden. Beim nächsten mal wirst Du einer schwarzen Wolke viel entspannter entgegen schauen. Normalerweise würde man so etwas vor Top und Takel ablaufen, aber auf der Ostsee? Wird schwierig 😏. Jetzt erst einmal alles trocknen und ausruhen, dann geht es bestimmt weiter.

    Übrigens, Dein Schreibstil gefällt mir. Evtl. Am Ende eine Zusammenfassung schreiben und an SEGELN oder YACHT schicke bzw. am Fahrtenwettbewerb der Kreuzer Abteilung teilnehmen.

    Mit seglerischem Gruß
    Volker

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  2. Uff -was für ein text – was für ein Erlebnis….Schön das Ihr heil in Horup angekommen seid…

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  3. wow, gut dass ihr heil angekommen seid. und du hast durchgehalten. findus sowieso 😉
    habe mich gefragt, was ich in einer solchen situation getan hätte oder versucht zu tun hätte. was wäre z.b. mit beidrehen/beiliegen gewesen? häufig ermöglicht es, das schiff ruhig zu kriegen – um abzuwarten, zu überlegen oder auch das groß runterzuholen.
    wünsche dir und deiner crew gute winde für die nächsten etappen!!!
    liebe grüße!

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  4. Toll geschrieben, auch wenn die Erlebnisse vielleicht nicht so prickelnd waren..
    Aber sieh es als Erfahrung die du gemacht hast, nächstes mal weißt du was auf dich zukommt – die PD packt sowas! 🙂

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  5. Hey, mag sich so dahin gesagt anhören, aber gerade auch solche Momente sind es doch, die das Segeln ausmachen, oder?
    Jetzt kommt etwas Klugmeierei:
    Wenn genug Leeraum vorhanden, dann ablaufen, und Seil stecken, vielleicht ein Treibanker falls vorhanden, oder Eimer, ne große Pütz, im Notfall tun es auch Jacken und Segelanzüge…. :-), um das Boot auf Kurs zu halten, falls es so schlimm wird, dass Du unter Deck musst.
    Und erste Regel: Schotten und Luken dicht, damit überkommendes Wasser da bleibt wo es hingehört: Draußen. Dann ist alles gut.
    Da schließe ich mich Tobys Worten an, die PD kann das, oder besser, jedes Boot mit Massenstabilität kann das, meines auch. Und auch noch ne Menge mehr. Hier passt der Spruch, die Schwachstelle ist meistens die Crew.
    Immer Kontakt zum Boot Marion, und ich glaube den hattest Du nicht, oder? Hörte sich in Deiner Beschreibung jedenfalls nicht danach an.
    In so einer Situation ist Lifebelt absolute Pflicht.
    Gehst Du über Bord bei dem Wetter, bist Du verloren, das Boot und Deine Kids.Auch überkommendes Wasser kann so eine Gewalt haben, dass es Deinen Sohn problemlos von der Pinne ins Meer spült, wenn er nicht am Boot eingepickt ist.
    Ich möchte überhaupt keine Panik verbreiten, aber tatsächlich sind viele Unglücke auf über Bord gegangene Segler-/innen zurück zu führen.
    Ich picke mich ab 5 Bft immer ein, klar ist mein Boot ein ganzes Stück kleiner und wird noch mehr hin und her geworfen, aber das über Bord gehen, geht schneller als man glaubt, egal wie groß die Kiste ist.
    Ich bin auf jeden Fall neidisch, wäre gerne dabei, auch oder gerade bei diesem Höllenritt.
    Du hast in Deiner kurzen Zeit als Seglerin schon mehr erlebt, als manche, die seit 30 Jahren segeln…..
    Hut ab.
    🙂

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  6. Gut im hafen. Zeit für denken. Schönes fahr wasser. Nicht weit zwishen die hafen.

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