4. Juni 2021
Gedanken

Ich bin traurig, denn draußen scheint die Sonne…

Ihr Licht, das durch die Gardinen in mein Zimmer dringt, erhellt meine noch vom Schlaf geschlossenen Augen. Durch das geöffnete Fenster strömt die bereits früh am Morgen erwärmte Luft, die mich mit ihrer Frische zart umgibt und eine angenehme Kühle breitet sich auf meiner nackten Haut aus. Meine Lebensgeister sind mir weit voraus und schreien bereits innerlich hurra, während ich langsam wach werde. Mein Bewusstsein registriert verzögert, was mein Körper längst wahrnimmt. Endlich scheint das Leben nach den viel zu langen und kalten Winter- und Frühlingstagen zurückzukehren. Neue Abenteuer warten und ich spüre, wie mein Herz aufgeregt und vor Freude schlägt. Es scheint, als wolle es mir sagen: „Komm‘, steh‘ auf, ein wunderbarer Tag erwartet uns. Lass uns segeln. Weit raus. Mindestens 25 Meilen und nur ganz vielleicht auch wieder zurück. Heute ist kein Tag für die Innenförde. Heute ist der Tag, am dem wir endlich das endlose Blau des Meeres sehen können. Die Weite der Ostsee, den nie enden wollenden Horizont. Wir haben endlich die Chance diese einzigartige und innere Freiheit zu spüren. Lass uns leben. Lass uns das Glück greifen und tief in uns aufnehmen. Durchatmen und spüren, dass es uns gibt.“

Die Sinnesorgane des Menschen reagieren zeitlich unterschiedlich. Und während einige von ihnen noch benommen den Übergang vom Schlaf ins Wachsein suchen, sind meine Ohren bereits fit und lauschen der Morgenandacht der Vögel. Sie sitzen vor meinem Fenster in den Bäumen und singen sich gegenseitig wunderbare Lieder vor. Ihr eifriges hin und her Gezwitscher klingt motivierend und macht Lust auf den Tag. Hin und wieder fährt ein Auto durch die Straße. Doch noch ist es früh. Nur vereinzelt sind bereits Menschen unterwegs. Die Vögel derweil zwitschern unaufhörlich aus allen Ecken. Sie rufen und zetern. Lästern sie etwa über mich? Es scheint fast als wollten auch die mir sagen: „Nun werde endlich wach. Sieh dir den Tag an. Du spürst doch bereits, was heute auf dich wartet. Vergeude deine Zeit nicht. Steh endlich auf und nimm dein Leben in die Hand. Heute ist deine Chance. Du kannst es schaffen. Erinnere dich. Weißt du noch? Der Kalkgrund, die offene Ostsee, dein Traum.“

Ich wühle mich im Bett hin und her, während ich ein immer deutlicheres Bild vor meinem inneren Auge bekomme. Ja, ich erinnere mich. Mein Traum. Ich möchte ihn endlich wieder sehen. Diesen Leuchtturm da draußen am Anfang der Flensburger Außenförde. Für mich ist es das Ende der Förde und der Beginn des Lebens. Ein Leben, was in mir drin ein ganz anderes ist, wie das, was ich tagtäglich lebe. Ich sehne mich nach diesem inneren, diesem wirklichen Leben. Sehne mich danach zu sein. Einfach ich. Ohne auferlegte Bestimmungen, ohne Namen, ohne Bezeichnungen für das, was ich im Alltag repräsentieren muss. Nein. Da draußen, jenseits dieses sturen und beständigen weißroten Turms mitten im Wasser, bin ich endlich ich selbst und alles was mir von außen auferlegt wird bröckelt von mir und hinterlässt nur die reinste Form meines selbst. Ja, ich sehne mich danach. Verzehre mich. Ich will. Will es so sehr. Mein Leben.

Jetzt werden auch meine übrigen Sinne wach. Doch mit dem Wachwerden schwindet der Traum zur Realität. Die Vögel verstummen und das Geheul der vorbeirasenden Fahrzeuge nimmt zu. Ich registriere meine Situation und mich überkommt eine tiefe Traurigkeit. Mein Inneres ist leer. Da wo eben noch mein Herz zu Höchstleistungen fähig war und dieses wunderschöne Pochen meine Liebe entfachen konnte, ist jetzt ein tiefes, schwarzes Loch. Und dieses Loch heißt Realität. Die Wahrheit holt mich eiskalt ein. Keine Chance zum Ich-sein. Stattdessen Verpflichtungen. Verantwortung.

Eigentlich habe ich heute Zeit. Doch nur eigentlich. Denn eine Mutter hat niemals wirklich frei und Zeit für sich. Also füge ich mich. Drehe mich noch einmal im Bett um und rolle mich ganz klein zusammen. Ich starre traurig an die weiße Wand und lasse meinen Traum ziehen. Mal wieder. Mach’s gut Kalkgrund. Mach’s gut Weite. Irgendwann sehen wir hoffentlich wieder….

Ich vermisse es so…

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