Oder wie relativ kann man die Welt sehen?

Im letzten Sommer (oder war es sogar schon im vorletzten?) begegnete mir irgendwo auf der Ostsee, jenseits der Flensburger Außenförde eine Segelyacht, deren Eignerin ich flüchtig durch Social Media kenne. Während unsere Boote mit um die fünf Knoten Geschwindigkeit einander passierten und der rauschende Wind ein Gespräch nahezu unmöglich machte, rief sie mir etwas zu, von dem ich nur wenige Wortfetzen und wage etwas verstehen konnte. Was ich jedoch vernahm, war die Frage, wieso es in meinem Blog so still geworden sei. Es war doch immer so nett zu lesen. Das schmeichelte mir sicherlich, doch rief ich schnell zurück, dass ja nichts aufregendes und neues mehr passierte und immer dasselbe zu schreiben, ja nun auch nicht so wirklich spannend sei. Danach riss der kurze Austausch auch schon wieder ab und die verbliebenen Worte verschwammen im Getöse von Wind und Wellen.

Ja es stimmte, in meinen Aufzeichnungen passierte nicht mehr viel, denn ich stagnierte. Im Leben, wie auch auf See. Ich steckte fest und tue es auch noch immer. Ich komme einfach nicht weiter mit meinen Träumen und Ideen und bin irgendwie stehengeblieben. Während so viele an mir vorbeizogen sind und noch immer ziehen, stimmt mich der permanente, wenn gleich auch nicht mutwillig herbeigeführte Vergleich mit meinem Umfeld nicht selten traurig. Was soll ich da also groß schreiben? Immer wieder die Flensburger Innenförde rauf und runter zu segeln ist nunmal nicht das, was man tagtäglich lesen will. Und es ist auch nicht das, was ich eigentlich gern repräsentieren möchte, weshalb es hier in letzter Zeit immer stiller wurde.

Meine Gedanken und Gefühle beziehen sich schon lange nicht mehr ausschließlich nur auf das Segeln und mein Boot. Nein, auch meine innere Gedankenwelt hat Einzug gehalten in meine schriftliche Darstellung. Das Schöne, aber auch das Traurige haben einen Platz bekommen, wenngleich das Schwermütige ungern gesehen wird.

Doch beides lebt nun einmal in mir und beides hat Auswirkungen auf all das, was ich schaffen und erreichen kann. Es hat Auswirkungen auf das, was mir möglich ist und was ich mir erlauben kann. Mein stiller Kampf mit meiner mentalen Gesundheit, meine kleinen und großen Trigger und auch das ein oder andere Trauma sind unwiderruflich ein Bestandteil meines Lebens. Wie kann ich sie also beim Segeln und bloggen außer Acht lassen, wenn ich hier versuche nur das Schöne in Worte zu fassen, während ich ausblende, was mein Sein ebenso beeinflusst? Und wie könnte ich dann dabei gleichzeitig noch wirklich authentisch bleiben? Nein, so funktioniert das nicht. Und das möchte ich auch nicht, denn funktioniert habe ich viel zu lange in meinem Leben und ich möchte vielmehr meinem Sein in voller Gänze seine gebührende Aufmerksamkeit schenken.

An manchen Tagen ist mir einfach alles zu viel. Dann macht mir bereits das Geräusch des Windes schon Angst. „Du hast Scheu vorm Wind? Das ist aber ungünstig für eine Seglerin.“, schrieb mir neulich ein Bekannter. Ob ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Ja, habe ich. Viele in meinem Leben, doch beim Segeln zum Glück noch nicht so wirklich gravierende. Dennoch überträgt sich die Kraft im Leben auf alles, was ich tue. Und ebenso raubt alles, was nicht so rund läuft wie erhofft oder gewünscht, die nötige Energie. Das Zusammenspiel fungiert dabei nicht immer in Harmonie und Ausgeglichenheit, sodass die Angst vor dem Wind vielleicht nur ein Kompensieren mit anderen Situationen darstellt. Doch es hilft nichts, wo keine Kraft ist und mein Leben aus dem Flow geraten ist, da stagniert eben das eine oder andere und das muss ich akzeptieren und lernen damit umzugehen. Findus hilft mir dabei.

So nutze ich also die leichten Tage, an denen der Wind mein Schiff sachte vorantreibt und mir ein Gefühl von Sicherheit schenkt. „Schönwettersegler“, tönt es höhnisch in meinem Kopf. Doch wozu diese vermeintliche Abwertung? Was ist falsch daran, bei schönem Wetter das Segeln zu genießen? Die Ruhe und Stille aufzunehmen und in ihr neue Energie zu tanken? Soll das ein Ausdruck von Schwäche suggerieren und mich damit degradieren zu einer Frau, die keine Seglerin ist, nur weil sie nicht genügend Mumm für Stürme zeigt? Nein. Das ich stark bin, das weiß ich. Das habe ich lange Zeit in meinem Leben bewiesen. Unzählige Stürme habe ich in den vergangenen Jahren hinter mir gelassen, so dass ich hier an Bord nicht auch noch mit dem Wind kämpfen möchte.

Jetzt möchte ich bewusst entspannen. Möchte bewusst das zarte Gurgeln der leichten Gischt an Findus‘ Bug lauschen und das Spiegelbild meines weißen Schiffes in der See beobachten, wie es sanft durchs Wasser gleitet und mich behände trägt. Ich möchte mir eine gewisse und durchaus zustehende Schwäche erlauben und mich niemanden beweisen müssen. Ja. Schönwettersegler klingt für mich nicht mehr verächtlich und schwach, sondern nach bewusster Entscheidung und vorallem auch schön.

Ich versuche den Druck rauszunehmen. Aus meinem Leben, als auch aus den Segeln. Zu viel Druck geht nämlich nicht nur auf Findus’ Material, er geht auch auf meine Gesundheit. Der Druck eines ewigen Mithalten müssen. Mithalten mit den großen Booten, mit den schnellen, mit den neuen. Mithalten mit den alten Hasen der See, den ambitionierten und den sportlichen Seglern. Mithalten mit der körperlichen Kraft der Männer, mithalten mit der Technik, die vieles erleichtert, mithalten mit dem Wissen, was ich zumindest für mein kleines aktuelles Revier nicht benötige.

Ich bin nicht nur Seglerin. Ich bin auch eine alleinerziehende Mutter. Ich trage 100 Prozent Verantwortung, wo eigentlich nur 50 sein sollten. Ich habe drei wunderbare, mittlerweile erwachsene Kinder und ich habe bestimmt nicht immer alles richtig gemacht. Doch ich habe es versucht und ich habe mir erlaubt, neben meiner Rolle als Mutter auch ich selbst zu sein. Mich neu zu finden und gleichzeitig den Erwartungen im Außen zu genügen. Ein ewiger Spagat, der mit Sicherheit nicht selten von Schmerz und Tränen gekrönt war. Auf allen Seiten. Doch besonders in den letztes Jahren war es immer wieder mein kleines Schiff, was mir wieder und wieder die Kraft gegeben hat weiter zu gehen und nicht aufzugeben. Dafür bin ich dankbar.

Meine Geschichten und Erlebnisse der voran gegangenen Törns haben den einen oder anderen möglicherweise unbewusst veranlasst, Aspekte in mich hinein zu projizieren, die so nicht wirklich existierten. Da jeder jedoch nunmal stets mit seiner eigenen Wahrheit auf die Dinge, die er hört, liest oder siehst reagiert, sind so Bilder, Annahmen und Erwartungen im Außen entstanden, denen ich in meiner persönlichen Gänze so nicht mehr Rechnung tragen kann und es auch nicht mehr möchte. Lange Zeit habe ich versucht hier dem Druck und dem Anspruch im Außen stand zu halten, doch heute kann und will ich das einfach nicht mehr, da ich mich so nur eher verliere, anstatt mich zu finden.

Seit über drei Stunden lasse ich mich nun von Heinrich, meinem Pinnenpiloten, und Findus über die Förde segeln und hänge meinen Gedanken nach, während ich mich daran erfreue hier sein zu dürfen. Jetzt blicke ich in das Orange der sich neigenden Sonne und bin glücklich. Ich liebe dieses Licht mit seiner einzigartigen Energie. Diese sich ausbreitenden Farben am Himmel und ihre Nuancen, die sich um mich herum schmiegen, wie wohlige Arme, die mich halten. Man spürt das Licht förmlich und ich kann einfach nie genug davon bekommen. Jedes Mal aufs Neue fasziniert es mich und füllt mich an mit Wärme und Liebe. Kitschig nennen viele das und ich frage mich warum. Wozu muss man Emotionen und Empfindungen ins Lächerliche ziehen? Ziemt es sich in einer gefühllosen Welt nicht seiner inneren Stimmung Ausdruck zu verliehen und müssen wir uns deshalb mal wieder hinter einer Maske verstecken? Ich will mich nicht mehr verstecken. Und ich stehe dazu, die sich neigende Sonne mit ihrer heimischen Atmosphäre nicht als kitschig zu betiteln. Sie ist mein Quell des Lebens und verdient jede Sekunde meiner Aufmerksamkeit.


0 Kommentare