27. September 2025
Wenn der Herbst beginnt

Wenn der Herbst beginnt, räumen nicht wenige Segler ihre Boote so langsam leer. Die ersten Kojenpolster werden über den Steg getragen und Zuhause eingewintert und übrig gebliebene Vorräte aus dem Sommer wechseln von der Pantry in die heimischen Küchenregale. Einige machen an Deck sauber und andere schlagen auch schon die Segel ab. Die Menschen bereiten ihre Boote Stück für Stück für den winterlichen Landgang vor. Winterschlaf der Boote.

Ich freue mich jedes Jahr erneut auf die Wintersaison. Dann ist der Hafen leer und der Steg gehört nahezu nur mir. Nur selten verirrt sich dann ein Bootseigner zu seinem im Wasser überwinternden Schiff und auch die Promenade ist dann nur noch spärlich besucht. Laute Musik an Bord, eingemummelte Tage bei laufender Heizung und eine Stille im Hafen haben noch mal einen ganz anderen Flair. Doch noch muss etwas darauf warten.

Findus wurde erst neulich einer gründlichen Reinigung unterzogen. Das vernachlässigte Deck hatte es dringend nötig, denn überall wurden schwarze Punkte sichtbar, die sich in dem riffeligen Antiruschbelag ansiedelten. Mit Boatwash und Bürste habe ich es cm für cm gereinigt und meinem Boot so zu neuem Glanz verholfen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie ein so altes Schiff wieder so strahlen kann. Nun muss Findus nur wieder zu neuem Leben erweckt und aus seinem Dämmerzustand zurück in seine Energie gebracht werden. Genauso wie ich.

Der Sommer hängt mir noch in den Knochen. Die niederschlagenden Erfahrungen, der Verlust Leos, die eigenen Selbstzweifel. Es wird dauern, dass alles wieder ins Lot zu bringen. Doch ich bin zuversichtlich, denn nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch. Nach jedem Regen folgt der Sonnenschein und dauert es manchmal auch etwas länger, so weiß ich doch, dass auch diese Durststrecke irgendwann ein Ende haben wird.

Das Putzen meines Schiffes wirkt manchmal wie Therapie. Komplett bei mir und den Fokus nur auf mein Schiff gelegt spüre ich die positive Wirkung der Konzentration. Keine Ablenkung, keine wirren Gedanken, nur Fokus.

Und am Ende Stolz. Mein Schiff. Meine Arbeit. Mein Verdienst. Es geht nicht um Leistung und Geld, denn was ich hier habe, ist mit nichts zu bezahlen. Hier geht es nicht darum sich beweisen zu müssen, hier geht es um das eigene Gefühl.

Und doch ist es verrückt. Hier und da huscht der Blick eines Nachbarn über mein Boot und lobende Worte der Anerkennung für meine Mühe werden zum Ausdruck gebracht. Hier bekomme ich Lob für etwas, was ich aus Liebe tue. Hier werde ich plötzlich sichtbar für etwas, was in meinem Verständnis selbstverständlich ist. Diese Anerkennung fehlt mir oft im Alltag. Im Leben, in dem was in der Vergangenheit alles passiert ist, in dem was ich im Tagesgeschäft vollbringe und was unsichtbar bleibt und dennoch als selbstverständlich hingenommen wird.

Einige Tage später geht es an Land. Nun doch. Lange Zeit habe ich mit mir gehadert und hin und her überlegt, ob es sich lohnen würde, dem Unterwasserschiff im Herbst einen neuen Farbanstrich zu verleihen. Der Kosten-Nutzen-Faktor spielt hier mittlerweile auch keine so geringe Rolle und ich muss schon genau für mich abwägen, wo ich investiere und wo ich spare. Doch ich möchte auch im Winter vielleicht mal für ein paar Stunden los und so wie Findus bewachsen ist, werde ich das nicht können.

Gegen den Strom zu schwimmen, die Uhren anders ticken zu lassen, lag mir schon immer mehr wie das Gedränge im allgemeinenen Hamsterrad, und so geht es heute bei Regen zu den Fischer auf den Slip.

Es ist wirklich dringen nötig Findus von der Last der Muscheln und Pocken zu befreien. Die vorangegangen Tauchgänge zeigen sich in Bild des flächendeckend bewachsenen Unterwasserschiffes nur spärlich und es ist kein Wunder, dass mein Schiff kaum noch an Fahrt aufnehmen konnte.

Es mag ein wenig verrückt sein, doch ich mag diese Arbeit. Mit dem Spachtel entferne ich den Großteil des Bewuchses und mit dem Hochdruckreiniger erwische ich dann auch den Rest. Arbeit. Ausruhen. Innehalten. Mein Schiff betrachten. Es berühren. Immer wieder überkommt mich diese Freude. „Du bist mein“. Und ich möchte, dass es dir gut geht. Denn ich weiß, wenn es dir gut geht, dann wird es auch mir gut gehen, weil du für da sein wirst. Liebe. Ein bisschen anders wie unter Menschen, aber definitiv Liebe.

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