12. Juli 2026
Ankern vor Avernakø

Will ich heute wirklich weiter? Will ich wirklich in der überfüllten Südsee um einem Platz kämpfen und zeitig den Hafen verlassen, damit ich möglichst früh im nächsten Hafen ankomme und einen Liegeplatz erwische? Nee, eigentlich habe da absolut keine Lust zu. Ich möchte auf dem Wasser sein und mir keine Gedanken machen müssen, ob ich eine Box erwische oder Päckchen liegen muss. Ich möchte mich keinem Druck aussetzen und auch nicht in der Masse mitströmen. Ich möchte individuell in meimem Tempo und nach meinem Bedürfnis segeln und mich nicht anpassen.

Vielleicht muss ich das auch gar nicht, denn noch ist die Saison ja früh und noch gar nicht so viele Segler unterwegs. Doch ich habe es zu oft erlebt, dass Boote in den Morgenstunden den Hafen anlaufen, nur um einen der begehrten Plätze zu erwischen. Allein der Gedanke daran, lässt ein unangenehmes Gefühl in mir entstehen.

Ich muss sicherlich auch dazu sagen, dass ich selbst nach nun mittlerweile zehn Jahren noch immer unsicher in den Hafenmanövern bin. Die sind einfach nicht meins und das werden sie auch nie werden. Der kleine Motor, die damit einhergehenden verzögerten Reaktionen, das leichte Schiff und die eigenen, vielleicht manchmal zu großen Ansprüche an mich selbst, sitzen mir noch immer zu stark im Nacken. Aus diesem Grund habe ich nach wie vor noch immer recht großen Respekt davor, einen Hafen anzulaufen und nach einer freien Box zu suchen.

Nein, ich mache das einfach anders. Hier in Faaborg sind immer Plätze frei und ich segle einfach etwas in der Südsee umher und komme am Abend hier her zurück. Wozu Hafenhopping, wenn ich die Häfen doch ohnehin alle kenne? Nein, die Idee klingt für mich nach einem guten und entspannten Plan.

Schön ist es hier ja wirklich. Ich war schon so oft hier, doch immer nur auf der Durchfahrt. Mal hier oder dort. Mal diese oder jene Insel. Wenn ich mich jetzt so umsehe, dann kommen sämtliche Erinnerungen wieder hoch. Wann ich wo und mit wem war, wen ich zufällig getroffen habe oder mit wem ich verabredet war. Die Häfen, das Wetter, sogar die Gespräche. Mein Kopf ist voll mit solchen Dingen, während Findus mich sanft übers Wasser trägt. Ich genieße die Erinnerungen und ich genieße das Segeln. Entschleunigung. Nicht ankommen müssen. Einfach in Ruhe unterwegs sein können. Ohne Druck im Nacken und ohne Ängste.

Zeitlich und von der Windrichtung her passt es ganz gut, wenn ich einfach einmal um Avernakø segle. Ja, warum eigentlich nicht? Es muss schließlich nicht immer Rundt Fyn sein. Ich kann auch einfach die einzelnen Inseln hier umrunden. Daysailing in der Südsee eben.

Der Wind kommt nun komplett von achtern. Ein anderer Kurs macht für mich jedoch gerade keinen Sinn und so checke ich die Lage und entscheide mich dafür, die nächsten Meilen mit ausgeräumter Genua zu fahren. Das mache ich grundsätzlich nur dann, wenn mir keiner in die Quere kommen kann, denn allein mit dem Ausbaumer rumzuhantieren und dabei alles gleichzeitig im Auge zu behalten, ist nun nicht unbedingt das, was ich mir unter entspanntem Segeln vorstelle. Doch hier bin ich dicht genug unter Land, so dass von backbord keiner kommt und dort auch niemand hinmöchte. Die nächsten Meilen kann ich also Kurs halten ohne umständliche Manöver fahren zu müssen.

Findus rauscht durch die See und das Geräusch des sich teilenden Wassers wiegt mich in meine kleine und geheime Welt. In Gedanken bin ich da, wo ich so gern sein möchte. Und das ist eigentlich gar nicht so weit weg von dem, wo ich tatsächlich bin.

Das Ziel, einmal um Avernakø zu segeln, ist nun doch weiter, wie anfangs vermutet. Auf der Karte sieht alles immer so klein aus, doch ein paar Stunden bin ich nun auch schon unterwegs. Das Wetter ist perfekt und ich habe Zeit. Vielleicht sollte ich zwischendurch einfach mal ankern? Doch östlich der Insel liegen bereits so unheimlich viele Ankerlieger in der Bucht, dass ich mich da nicht einreihen mag. Mir ist das einfach zu viel. So dicht an dicht liegen sie dort und mit der Privatsphäre kann es so unter all den Booten nicht so weit her sein. Ich segle also vorerst doch lieber weiter und lasse die Bucht zügig wieder achteraus.

Doch das Wetter ist warm und schön und Ankern wäre jetzt schon eine nette Sache. Nördlich der Inseln, wo die beiden Landstücke nur durch eine schmale Straße verbunden sind, ist es Menschenleer. Kurz überlege ich, ob es einen Grund geben mag, warum hier niemand ankert, doch mir fällt keiner ein. Auch der Blick in die Seekarte verrät kein Verbot oder eine Einschränkung, so dass ich es einfach probiere.

Mit dem SUP paddle ich mich an Land und genieße für einen kurzen Moment die Stille. Es ist das erste Mal, das ich mein Boot vor Anker sich selbst überlasse und an Land gehe. Es ist schon ein etwas komisches Gefühl. Was ist, wenn der Anker wider erwarten nicht hält und Findus weg treibt? Doch die See ist ruhig und mein Boot steht geschützt. Ich beginne eine neue Form von Vertrauen in meine Entscheidungen und mein Tun zu entwickeln und das fühlt sich gerade unheimlich gut an.

Auf dem Stand Up Paddling Bord spüre ich eine feine Strömung, die ich auf meinem Schiff so kaum bemerke. Sicherlich weiß ich, dass es hier und da etwas strömt, doch erst wenn sich diese Strömung auch an den ausgelegten Tonnen sichtbar zweigt, spüre ich beim Kurshalten, dass ich leicht reagieren muss.

Doch hier auf dem SUP merke ich unmittelbar, wie mein Kurs zurück zum Schiff vom Strom beeinflusst wird. Nur ganz gering und auch nicht wirklich wild. Und doch ist da ein winziger Gedanke, der mich etwas schneller paddeln lässt.

Zurück an Bord setze ich noch einmal die Segel. Noch ist es schön, doch der Wind soll in Kürze zunehmen. Ich möchte im Hafen sein, bevor es von jetzt auf gleich wieder mit über zwanzig Konten auf die Nase gibt. Aber ich möchte auch noch segeln.

Drei Meilen vor Faaborg berge ich die Segel. Heute ist die Vorhersage nahezu auf die Minute richtig. Ein, zwei Böen und der Wind schießt sich auf über zwanzig Knoten ein. Hier im betonten Fahrwasser der Fähren und den mir doch nicht so vertrauten Flachstellen, möchte ich nicht kreuzen. Lieber nehme ich die völlige Entspannung des Tages mit in den Hafen.

Ich bin frei. Ich bin ich. Selbstbestimmt und ausgeglichen lasse ich die Geschehnisse des Tages nachwirken, während mich die Abendsonne wärmt und eine Atmosphäre zaubert, in der es keine Zweifel daran gibt, dass ich mit mir und der Welt zufrieden bin.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Archiv