Es klingt wahrscheinlich ziemlich dekadent und vielleicht ist es das sogar, denn ich möchte mal eben um die 40 Seemeilen auf dem wasser sein um in Faaborg anzulegen und dort eine Pizza zu essen. Wie verrückt klingt das denn? Als gäbe es hier in der Umgebung nicht genügend Lieferdienste und Restaurants, die leckere Pizzen anbieten. Doch ich möchte mehr wie nur diese Pizza. Ich möchte segeln, ein Ziel vor Augen haben, wo ich ankommen möchte. Ich möchte das Ambiente der Altstadt und den Flair des Hafens. Ich möchte den abendlichen Spaziergangs zum Sonnenuntergang und ich möchte die Stille an Bord. Ich möchte mich und ja, ich möchte am Abend bei lauen Temperaturen draußen sitzen und eine Pizza essen.

Zeitig mache ich also die Leinen am Morgen los und lege ab. Findus‘ Unterwasserschiff ist nach dem letzten Tauchen zumindest soweit ok, dass ich relativ gut voran komme. Natürlich ist das kein Vergleich zu einem frisch mit Antifouling gemalten Schiff, doch ich erreiche immerhin Marschgeschwindigkeit. Dass die Motordrehzahl dabei leicht erhöht ist und der Spritverbrauch durch die, wenn auch geringe Mehrbelastung steigt, das lasse ich einfach mal so dahingestellt. Heute ist kein Wind in Aussicht, aber ich will weg und so ich nehme ich das in Kauf.

Wie jedes Mal, wenn ich ein wenig Zeit habe, darf ein kurzer Abstecher zu meinem „alten Freund“, dem Leuchtturm Kalkgrund, nicht fehlen. Ich mag den Gedanken der Beständigkeit. Er gibt den Seeleuten und Seglern Orientierung und steht wie ein Fels fest vor der Flachstelle. Er weist den Weg. Nachts mit seinem Licht, bei Neben mit einem Ton und am Tage mit seiner rotweißen Bemalung. In diesem Jahr werde ich wohl nicht noch ein mal hier draußen sein und so möchte ich dem Leuchtturm in der Flensburger Außenförde heute meinen Besuch abstatten. Es ist irgendwie immer was besonderes an ihm vorbei zu kommen.

Der Lillebælt liegt ruhig da. Die Sonne scheint warm herab und um mich herum sind so gut wie keine weiteren Boot unterwegs. Bei Flaute bleiben die Segler im Hafen. Kein Wind, kein Törn. Mir ist das egal. Dafür habe ich schließlich einen weitestgehend anständigen Motor. Ohne Wind motore ich eben. Bei gutem Wind segle ich und bei zu viel Wind bleibe ich im Hafen. Heute ist dann eben Motorfahrt angesagt.

In Faaborg finde ich immer einen Platz in der Marina. Den Stadthafen meide ich mit dem Boot. Dort ist mir zu viel Trubel, dem ich zu Fuß zwar schnell entfliehen kann, mit dem Boot auf dem Gastliegeplatz jedoch gebunden wäre und im Zweifel keine für mich so wichtige Ruhe finde. Trubel habe ich zu Hause und generell an Land genug, an Bord mag es still.

Durch die kleinen Gassen mit ihren typisch Dänischen Häusern führt es mich schnell zur Pizzeria. Die sommerlichen Temperaturen sind beständig, die Ferien nahezu vorbei und so ist auch der Marktplatz von Faaborg bei weitem nicht mehr so belebt, wie er ist zur Hauptsaison ist. So mag ich es hier.

Der Abend ist, wie ich es hier schon oft erlebt habe, einfach schön. Hier liegen viele kleinere Boote. Manche alt und ungepflegt, andere verlassen. Sie gehören offensichtlich einheimischeńdie nicht oft da sind. Generell habe ich hier in der Marina den Eindruck, dass die Menschen nur Segeln kommen. An Bord, Leinen los und raus. Wenn sie zurück kommen, sind sie nur kurz da. Das unter deutschen Seglern übliche Anlegbier wird hier nicht so zelebriert.

Heute ist hier Regatta und einer nach dem anderen kommt im Sonnenuntergang zurück in den Hafen. Es ist kaum Wind und so haben manche ihre bunten und leichten Tücher gesetzt. Ich sehe ihnen zu. Ein lachendes und und weinendes Auge dabei.

Manchmal fehlt es mir, mit Menschen zusammen zu sein. Die meiste Zeit über bin ich zwar ganz froh meine Ruhe zu haben, doch hin und wieder kann ich nicht verleugnen, dass ich auch gern mal in Gesellschaft unterwegs wäre. Meine persönliche Kompatibilität steht dem jedoch oft genug zu sehr im Weg. Themen, Gedanken und Gespräche harmonieren viel zu oft nicht. Zu viel Oberfläche, zu viel mit dem Strom schwimmen, zu wenig Tiefe, das alles ist nicht meine Welt.

Miteinander beginnt für mich mit Ehrlichkeit und Authentizität. Insbesondere Ehrlichkeit zu sich selbst. Nicht mit Wunschdenken, sondern mit Fakten und Einsicht. Doch die nackte Wahrheit wird gern vertuscht oder als Negativität erachtet und aus meiner Sicht kann so nichts echtes entstehen. So bleibe ich mir lieber selbst treu, schiebe den kurzen Anflug von Einsamkeit zur Seite und genieße die Farben am Himmel, die sich mir heute mal wieder bieten.

Wie mich das immer erdet. Ankommen im Hafen, selbstbestimmt meine Runden ziehen, die Abendsonne auf mich wirken lassen und meinen Kopf frei bekommen. Es ist nicht nur das Ankommen im Hafen. Es ist auch das Ankommen bei mir selbst. Das Ablegen von Rollen und nur Selbstverantwortung. Was ich tue, mache ich für mich. Ohne Fremdbestimmung, ohne Erwartungsdruck und ohne Rechtfertigung. Einfach Ich.

Morgens ist es ebenso still, wie am Abend zuvor. Kaum Menschen auf den Stegen, nur verwaiste Boote. Ich ziehe meine Runden. Gehe über Stege, fange die Sonne am Morgen ein und fühle mich richtig. Es tut so gut hier zu sein. Die belastenden Gedanken sind zwar nicht komplett verschwunden, doch haben sie hier mehr Raum in dem sie sich verteilen und mich nicht mehr so erdrücken. Das tut so verdammt gut.

Ich möchte hier nicht weg. Möchte gern noch bleiben. Wieder und wieder gehe ich eine erneute Runde durch den Hafen. Es fällt mir schwer mich zu trennen. Ich will mich einfach noch nicht lösen. Will noch nicht zurück. Wobei ich ja gar nicht beabsichtige heute direkt wieder nach Hause zu fahren. Ich werde noch einen Zwischenstopp einlegen, doch auch der fällt mir gerade etwas schwer anzugehen.

Die See ist ruhig. Zum Glück ist keine Flaute mehr. Es sind für mich Idealbedingungen. Nicht zu viel Wind, kein Kampf, keine Wellenberge. Es ist warm und der Himmel leuchtet in strahlendem Blau. So liebe ich es. Einfach den Autopiloten an machen und mich zurücklehnen. Der Blick zum Horizont erweitert dem Raum nochmal um einiges mehr wie vorhin im Hafen. Hier ist so viel Platz, dass kaum noch unliebsame und belastende Gedanken mich quälen. Sie sind nicht weg und ich weiß, dass sie mich wieder einholen werden, sobald ich zurück bin, doch hier draußen gebe ich mir die Erlaubnis, sie ziehen zu lassen.

Findus springt durchs Wasser, teilt die See, wirbelt Gischt auf und scheint ähnlich glücklich darüber zu sein, in seinem Element sein zu können. Es ist nur de Lillebælt und nur wenige Seemeilen trennen mich vom Land, doch eigentlich ist es doch egal, welche Welle mein Boot mit seinem Bug teilt. Es ist die innere Einstellung, die mich einfach sein lässt. Ziele, Wünsche und Hoffnungen müssen manchmal einfach dem Augenblick weichen. Hier und Jetzt ist was zählt.

Angekommen in der Flensburger Außenförde geht es dann mal wieder nach Høruphav. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich hier gewesen bin, denn auch Høruphav ist einer der Häfen, die zu sowas wie einer zweiten Heimat für mich geworden sind. Es fühlt sich hier einfach richtig an.

Ich mag Regelmäßigkeiten ebenso sehr, wie ich auch gern neues entdecke. Es ist wie nach Hause kommen. Alles ist vertraut und ich kenne ich aus. Das gibt Sicherheit. Und ich weiß, worauf ich mich freuen kann. Die Umgebung, der Spaziergang durch den Wald und der kleine Imbiss „Trillen“. Fish and Chips und danach ein Softeis. Herrlich.

So sehr ich die Abende liebe, so sehr mag ich auch den frühen Morgen im Hafen. Die Stille, die Farben und den Blick aufs Wasser. Ich stehe freiwillig früh auf und gehe meine Runde über die Stege. Zum Sonnenaufgang im Sommer ist meist nur wenig los. Hin und wieder sind ein paar einheimische Frühaufsteher am Badesteg anzutreffen, doch von den Seglern sind nur selten welche um diese Zeit schon zu Fuß im Hafen unterwegs.

Was hier einfach besonders schön ist, ist das auf der einen Seite des Hafens die Sonne mit ihrem kräftigem Gelb aufgeht und auf der anderen Seite der Himmel in sein zartes rosé zeigt. Ich weiß oft gar nicht, wo ich zuerst hin möchte.

Auch hier bin ich wieder ewig unterwegs und kann kaum genug bekommen. Ja, ich liebe diese Farben des Tages, doch innerlich spüre ich auch, dass ich getrieben bin. Ich habe das Gefühl, ich muss hier nochmal alles mitnehmen, bevor ich wieder zurück muss. Denn zurück, das möchte ich nicht. Dolch den Gedanken verdränge ich. Ich möchte mich noch nicht damit beschäftigen, was zu Hause auf mich wartet.

Der Morgentau hat das Deck meines Bootes mit seinen seichten Tropfen eingehüllt und jetzt im aufgehenden Sonnenlicht schimmern sie leicht Golden und verliehen meinem kleinen Schiff eine morgendliche Anmut. ich muss lächeln bei diesem Gedanken. Mein Findus. Fünfundvierzig Jahre alt. Hier und da hat meine PD Beulen und Kratzer, die in all den Jahren ihre Blessuren hinterlassen haben und ich spreche von Anmut. Aber ja, ich finde mein Schiff Anmutig.


Der Tag ist nun angebrochen und im Hafen wird es geschäftig. Menschen gehen mit Kulturbeuteln in den Händen und Handtüchern um den Hals über die Stege. Morgenroutine in der Marina. Für mich wird es Zeit an Bord zu gehen. Der frühen Flucht zum Sonnenaufgang geschuldet muss ich nun erstmal Ordnung schaffen. Die Koje aufräumen, Klamotten verstauen, Frühstück machen.

Im Grunde bin ich rundum glücklich. Ich bin hier. Ich bin unabhängig. Ich bin frei. Und ich habe Findus. Was will ich mehr? Ja, was eigentlich? Da gäbe es sicherlich schon das eine oder andere, doch nach Sternen zu greifen geht selten gut und deshalb lehne ich mich zurück und erfreue mich an dem, was ich habe.

In der Innenförde frischt der Wind nun etwas auf und das Segeln macht jetzt erst so richtig Spaß. Warum das immer erst hier passiert, wenn ich nahezu wieder zu Hause bin, muss irgendwie mit dem Land und den Winden zusammenhängen, doch wirklich verstehen tue ich das nicht. Ich habe mich allerdings auch nie wirklich damit beschäftig. Eigentlich ist es auch egal. Ich muss schließlich so oder so die knappen zehn Meilen bis nach Flensburg zurück und kann das Wetter und die Windstärke nicht beeinflussen. Heute würde ich es auch gar nicht wollen. Ein paar Mal wende ich hin und her. Mal zurück, mal nach Backbord, mal nach Steuerbord. Immer so, wie es gerade am meisten Spaß macht. Ich bin nicht die einzige, die es so macht. Auch andere Boote segeln dem Vergnügen entsprechend.

Das Wetter ist einfach zu gut um direkt in den Hafen zu fahren und so lege ich noch einen kurzen Zwischenstopp vor Anker ein. Was für ein herrliches Wochenende.


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