Ich weiß in diesem Sommer einfach nicht, was ich will. Einerseits möchte ich segeln, weit weg segeln. Fern von allem sein. Flüchten vor all dem, was ich an Land nicht beeinflussen kann und was mir meine Lebensfreude und somit meine Energie raubt. Doch meine persönlichen Umstände lassen es einfach nicht zu, in diesem Jahr mit Findus große Törns zu segeln. Mein Selbst befindet sich im Zwiespalt. Der Gesellschaft genügen und der erlernten Verantwortung folgen oder ich selbst sein und mein eigenes Leben und Sein in den Vordergrund stellen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und was richtig und falsch ist.

Es ärgert mich, doch ich kann es nicht ändern. Ich muss akzeptieren, was ist und versuchen, das Beste daraus zu machen. So plane ich vorerst einige Tage mit dem Auto über Langweg in Norwegen und Schweden zu verbringen. Doch meine Vorstellungen kollidieren auch hier mit der Realität. Steiniges Gelände, Verbote und nicht spontan für meinen Geldbeutel buchbare Unterkünfte zwingen mich in meinem kleinen Corsa zu nächtigen. Es ist ist unbequem und ermüdend. Und es zerrt an meinen Kräften, so dass ich bereits nach wenigen Tagen nicht mehr kann und nach Hause fahre.

Vielleicht sollte ich doch segeln? Und wenn es in diesem Jahr nur die überlaufene Dänische Südsee ist. Findus stand jedoch recht lang und liegt mit dem Heck in Richtung Sonne. Pocken mögen Wärme und Sonneneinstrahlung und mein Schiff war vor meinen Landurlaubsplänen bereits langsamer wie gewohnt. Bevor ich also in jegliche Planung gehe, fahre ich eine kleine Runde unter Maschine raus. Ich will testen, was überhaupt noch möglich ist oder ob sich meine Segelpläne direkt erübrigt haben.

Eigentlich wusste ich es vorher bereits. Findus hat keinerlei Kraft mehr. Ähnlich wie ich. Unter Vollpower bringt meine PD es nur noch auf 2000 Umdrehungen und maximal 2,5 Knoten. So kann ich weder bei Wind im Hafen Manöver fahren, noch gegen Wind und Welle anmotoren. Mir bleibt nichts übrig. Segeln hat sich so definitiv erledigt. Traurig und voller Frust fahre ich unter Maschine die zwei zuvor raus gefahren Seemeilen mit durchschnittlich zwei Knoten wieder zurück in den Hafen.

Ein spontaner Kranvoragng ist ausgeschlossen. Es fehlt den hiesigen Gewerken in der Umgebung an Personal, sodass ich Findus nicht raus holen kann, um sein Unterwasserschiff von den lästigen Pocken zu befreien. Ich bin verzweifelt. Verzweifelt, wütend und traurig. Verzweifelt, weil ich so gern weg will. Wütend auf mich selbst, dass ich zu nachlässig war und mich nicht rechtzeitig um einen Termin gekümmert habe. Und ich bin traurig, weil ich mal wieder alles alleine machen muss und da niemand ist, der diesem gesamten Traum mit mir träumt.

Mir bleibt also nichts anderes übrig, als mich notgedrungen ins Wasser zu wagen. Nun habe ich mich in diesem Jahr das erste Mal überhaupt dazu überwunden vom Schiff aus schwimmen zu gehen und nun soll auch noch tauchen. Doch, wenn ich das nicht mache, dann wird das niemand machen. Will ich also segeln gehen, dann muss ich mein Boot von diesen nervigen Pocken befreien.

Im Hafenbecken gehe ich also ins Brackwasser. Hier in der Hafenspitze steht die Brühe und die Sicht nach unten ist gleich Null. Dennoch versuche ich mein bestes. Ich überwinde mich und steige die Badeleiter meines Schiffes hinab. Das Wasser ist nur im ersten Moment für wenige Sekunden kalt, danach ist es sogar recht angenehm. Ich schwimme um mein Schiff herum. Taste mit den Füßen am Ruder und Skeg entlang an Schabe mit den nackten Fußsohlen ein paar Muscheln und Pocken weg. Erst später bemerke ich dabei die Kratzer unter den Füßen. Mit dem Spachtel schabe am Unterwasserschiff entlang und das Geräusch, was dabei entsteht verrät mir, dass ich da einiges abkratze. Nur kurz schaffe ich es unter Wasser zu sein und zu kratzen, doch ich bin für den ersten Moment zufrieden. Die aufwirbelnden Kalkpartikel verraten mir, dass ich hier und da ein wenig Erfolg hatte. Bis zur Schraube schaffe ich es und kratze jedes der drei Propellerblätter einzeln von von und hin hinten an. Für mehr reicht die Luft nicht. Mit jedem Kratzen wird die Sicht dabei schlechter und schließlich kann ich auch einfach nicht mehr.

Es war ein Anfang. Nun schafft Findus immerhin schon wieder knapp vier Knoten und auch die Drehzahl ist leicht hoch gegangen. Doch wirklich zufriedenstellend war die Aktion dennoch nicht. Ich muss nochmal runter. Aber dieses Mal nicht im Hafenbecken. Mit neuer Taucherbrille und Neoprenschuhen geht es zur nahe gelegenen Turboje und gemeinsam mit Lille Bjørn starte ich einen neuen Versuch. Es ist gut, dass jemand für den Notfall an Deck steht.

Das SUP liegt im Wasser und ich mache mich erneut vertraust mit dem nassen Element. Es ist frisch mittlerweile. Der Hochsommer schein nun gekippt und die Temperaturen sind minimal rückläufig. Doch es ist warm genug, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat. Ein bisschen plantschen und rumalbern nimmt die Scheu vor der Aufgabe, die nun vor mir liegt.

Ich tauche. Nicht viel. Das schaffe ich gar nicht. Aber bis zur Kiel-Rumpf-Verbindung aber reicht es. Ich schabe und kratze und es ist enorm, was da für Pockenteppiche abgehen. Erst hängt der Bart fest und erst ganz unten, wo der Übergang von Steuerbord und Backbord das Schiff Teil, fallen die Pocken letztlich ab. Ich tauche auf, hole Luft und verschwindende wieder unter Wasser. Wieder und wieder. Auf fast acht Meter Länge. Nicht viel, aber hier und jetzt gerade vollkommen genug für mich.

Über eine Stunde bin ich zugange. Ich funktioniere und reagiere nur noch. Ich muss das Schiff frei bekommen. Ich muss weiter machen. Die Pocken müssen weg. Wenn ich noch irgendwie segeln möchte, dann muss ich da jetzt dran bleiben. Rumpf und Schraube tauche ich gefühlte hundert Mal ab und am Ende kann ich einfach nicht mehr.

Das SUP leistet gute Dienste dabei. Der leichte Zugang zum Wasser. Das Ausprobieren und anschließende Paddeln geben mir Sicherheit. Ich werde nun auch hier mutiger und das wiederum stärkt mein Selbst als Seglerin.

Vor Jahren hat mal ein alter Segler gesagt: „du kannst erst Segeln, wenn du alles an Bord selber machen kannst“. Da bin ich nach wie vor Meilen von entfernt, doch mit der Aktion, bin ich dem „großen Ganzen“ wieder ein Stück näher gekommen. Ich finde schon, dass ich alles alleine können muss. Am Ende kommt eh niemand, der mich rettet. Nicht im Leben und auch nicht mir meinem Boot.

Der Abend neigt sich und nach all der Anstrengung habe ich Hunger. Ich habe alles an Bord. Vorausschauend und wie so oft im Funktionsmodus habe ich alles parat und gönne mir einen schönen Abend.




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