22. September 2026
På okseøen

Sturm oder Flaute. So könnte ich wohl jeden Beitrag in diesem Sommer nennen oder ihn zumindest mit ähnlichen Worten beginnen. Nie passt das Wetter, der Wind oder auch meine Stimmung wirklich zusammen. Ja, da ich das Segeln fühle, ist es für mich wichtig, dass ich mit meinem eigenen Innenleben im Reinen bin, bevor ich mit Findus ablege. Sicherlich schafft mein Boot es oft, mich aus dem einen oder anderen Tief heraus zu holen und mich wieder auf die richtige Spur zu bringen, doch leider gab es auch schon Tage, an denen ich besser die Leinen nicht hätte losmachen sollen.

Einige selbst herbeigeführte und bewusste, aber auch ungewollte und traurige Veränderungen in meinem Leben haben sich in letzter Zeit gehäuft, was eine doch größere Unsicherheit wie gedacht in den letzten Wochen und Monate in mir hervorgerufen hat. So habe ich aktuell ein wenig Schwierigkeiten mich und meine innere Welt richtig einzuschätzen und unbegründete Ängste und Zweifel halten mich viel zu oft zurück von dem, was ich eigentlich doch so gern möchte.

Einer meiner Söhne ist aus Bremen zu Besuch und eigentlich wären wir gern eine Woche zusammen irgendwo hin gesegelt. Doch auch hier stimmt die gesamte Wetterlage mal wieder nicht so wirklich und bevor wir das Risiko eingehen und dann nur im Hafen sitzen, entscheiden wir uns lieber für Tagesausflüge auf der Flensburger Förde. Letztlich geht es in diesem Fall ja um gemeinsame Zeit und nicht um große Ziele.

Es tut gut nicht allein an Bord zu sein. Die Pinne auch mal vertrauensvoll abgeben zu können und sich nicht nur auf die eigenen Fähigkeiten und den Autopiloten verlassen zu müssen. Meine beiden Söhne tragen ebenso wie ich, mein Vater vor mir und zwei weitere Großväter in meinem Stammbaum, dieses „Seefahrer“-Gen mitsamt seiner Sehnsucht aufs Meer in sich und ich finde es schön, dass wir uns auch an Bord einander so gut verstehen.

Wind ist nicht viel heute und das Segeln läuft eher etwas müßig. Vielleicht fahren wir zu Annies nach Sønderhav ein Eis essen? Doch der Anlegesteg ist bereits belegt und so entscheiden wir uns, den leicht erhöhten Wasserstand zu nutzen und der großen Ocheseninsel einen Besuch abzustatten.

Es ist nun schon wieder ein halbes Jahr her, dass ich mit Findus hier war. Nicht immer kann ich mit meinem Boot am Steg anlegen. Es braucht schon bestimmte Bedingungen und erst wenn diese allesamt zusammentreffen, kann Findus dort am Steg ohne Problem liegen. Heute passt es und die paar Stunden fühlen sich wie Urlaub an.

Keine weiteren Menschen, keine angelandeten Kajaks, keine Paddler, keine vor Anker liegenden Boote, deren Besatzung mit dem Beiboot übersetzt. Nur Findus und wir. Eine wunderbare Stille. Diese Ruhe ist es, die mich mir selbst wieder näher bringt. Sein. Einfach nur Sein. Keine Erwartungen, keine Vergleiche, keine Forderungen. Einfach Stille im Kopf. Abgeschnitten vom Trubel des üblichen Wahnsinns an Land spüre ich mich selbst wieder. Ich weiß, dass dieser Zustand nur kurz anhalten wird, doch ich lasse ihn zu und genieße diesen kurzen Cut aus dem Alltag.

Kurz gebe ich mich meiner Phantasie hin und spiele diverse Geschichten in meinem Kopf durch. Eine Insel nur für mich alleine. Schon ein paar mal kam mir dieser Gedanke, wenn ich hier oder da an kleinen, zum Teil auch unbewohnten Inseln in dänischen Gewässern vorbei gesegelt bin. In meinem Kopf laufen dann ganze Filme unterschiedlichen Genres ab. Abenteuer und Entdeckung. Liebe und Romantik. Vom Kinderfilm hin zur Schnulze. Gewalt, Mord und Totschlag gehören da nicht mein phantasievolles Repertoire, stattdessen sind mein Kopf und mein Herz mit all seinen Gedanken und Gefühlen erfüllt von Harmonie.

Das Wasser hier ist flach, obwohl wir 40 cm erhöhten Wasserstand haben. Man erkennt nahezu jeden Stein und jede Muschel am Grund. Am liebsten würde ich direkt reinspringen, so einladend funkelt die Sonne auf der Wasseroberfläche. Fast wäre ich unfreiwillig sogar rücklings reingefallen, doch konnte ich mich gerade noch fangen und mein Gleichgewicht wieder herstellen.

Ich kann es einfach nicht lassen. Und ich will es auch gar nicht. Ich muss meinem Drang mein Boot, die Umgebung und die Natur in Bildern festzuhalten einfach nachgehen und alles fotografisch festhalten. Für mich, für meine Erinnerungen und für meine Texte. Rückwärts den Steg entlang stolpere ich gerade noch über die leicht erhöhte Kante der Holzbohlen und wäre um ein Haar ins seichte Wasser gefallen. Mein Sohn guckt mich dabei nur kopfschüttelnd und grinsend an. Er kennt das schon.

Wieder und wieder gehe ich den kleinen Steg auf und ab. Ich kann mich nicht sattsehen am diesem Bild. Dieses Bild von meinem Findus, der allein an diesem Steg liegt. Wie ein aufgeregtes kleines Kind gehe ich vor und zurück und freue mich einfach. Ich lächle vor mich hin, grinse und bin glücklich. Ist es nicht das, was wir Menschen so dringend brauchen? Ein Gefühl von glücklichsein. Viel zu selten lassen wir es doch zu, uns in kleinen und einfachen Momenten glücklich zu fühlen. Immer ist da die Frage, ob wir glücklich sein dürfen, wenn andere es gerade nicht sind. Und ich finde, doch wir dürfen das.

Das klare Wasser lässt nicht nur den Blick auf den Grund zu, es offenbart auch die erneute Pockenplantage an Findus‘ Ruder und Skeg. Wo kommen die bloß alle her? Und wieso lieben sie ausgerechnet mein Boot so sehr?

Vorerst mache ich einen Spaziergang über die Insel. Neuerdings weiden hier Ziegen. Sie lassen mich in Ruhe vorbeiziehen und fressen derweil unbeirrt das saftige Gras und die unteren Blätter des Gesträuchs auf der Insel.

Die Stunden ziehen. Meine Träume wiederholen sich in Endlosschleife und mein Sohn wird langsam ungeduldig. Später wird noch weniger Wind sein und er möchte gern noch etwas segeln. Etwas wehmütig mache ich mich auf dem weg zurück zu meinem Schiff.

Die Pocken lassen mir keine Ruhe und es juckt mich in den Fingern sie zumindest punktuell vom Rumpf zu kratzen. So komme ich nicht dran. Auch das Paddel vom SUP ist nicht lang genug. Nein, was soll der Quatsch. Das Wetter ist gut. Sommerlich warm ist es heute nochmal und eigentlich möchte ich ins Wasser. Warum eigentlich nicht.

In Nu habe ich meine Badesachen an, die Badeleiter runtergeklappt und nach wenigen Spritzern auf die Haut um mich an die Temperatur zu gewöhnen schwimme ich um mein Boot rum. Wie ein Fisch im Wasser drehe und wende ich mich. Es macht einfach Spaß. So herrlich angenehm und überhaupt nicht kalt. Wie schön ist das denn bitte? Seist Ende September und ich gehe gerade baden in der Förde.

Die Pocken am Ruder und am Skeg sind schnell beseitig und schweben fast schwerelos zu Grund. Doch es dauert nicht lange, da bemerke ich, dass der gesamte Rumpf erneut überzogen ist mit einer pockigen Schicht. Hier ist nicht der richtige Ort zum Kratzen. Der Steg mit seinen stählernen Trägern ist zu nah am Schiff und ich habe Bedenken, ich könnte mir den Kopf aufschlagen, wenn ich nach dem Tauchen ohne Luft schnell und leicht orientierungslos wieder nach oben kommen. Nein, das hat keinen Sinn hier. Ich gebe mich geschlagen, lasse die Pocken Pocken sein und plantsche noch ein wenig, bevor ich wieder an Bord klettere und nun alles zum Ablegen bereit mache..

Der Wind wird uns nicht mehr hold sein, doch auch so haben wir einen wunderbaren Tag genießen und Erinnerungen schaffen können.

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