12. Dezember 2021
Kann man das verstehen?

Dezember. Die Tage werden täglich kürzer und die Nachmittage sind bereits vorbei, noch ehe sie begonnen haben. Der Himmel zeigt sich überwiegend wolkenverhangen und die Sonne lässt sich nur selten blicken. Es ist trüb und kalt und die Sehnsucht auf‘s Wasser zu kommen ist allgegenwärtig. Heute ist Samstag und die Aussichten auf dem Wolkenradar machen Hoffnung. Von Westen her kündigt es einen aufklarenden Himmel an. Auch der Blick aus dem heimischen Fenster verspricht einen sonnigen Tag. Die Wolkenfelder reißen Stück für Stück auf und mehr und mehr Blau kommt zum Vorschein.

Ich zögere nicht. Fahre zum Hafen und mache Findus klar. Landstrom ab, Persenning runter, Fender unter Deck und los geht‘s. Im Hafen ist Flaute. Draußen verspricht „Windfinder“ im Superforecast immerhin 5-8 Knoten Wind.

Jenseits der Hafengrenze setze ich die Segel und lasse den Motor verstummen. Stille. Die Förde ist so gut wie leer. Wie immer im Winter. Nur Blue2 ist wieder unterwegs. Einer, der bereits im letzten Winter oftmals parallel mit mir draußen war. Viel zu weit entfernt um zu grüßen. Nur die Segel sieht man und erkennt auch nur durch‘s Fernglas das DAN im Großsegel. Ein Segler der dänischen Minderheit aus Fahrensodde. Ein Verrückter. Wie ich.

Die Windvorhersage passt. Gemütlich gleitet Findus mit 3,5 Knoten durchs Wasser, während Heinrich mal wieder den Kurs hält. Ich mache es mir bequem, während mein Boot in Richtung dänisches Ufer unterwegs ist. Die Sonne kommt derweil aus Süd und hat erstaunlicher Weise unheimlich viel Kraft. Ich sitze im Cockpit, lehne mich zurück und schließe für einige kurze Momente die Augen.

Es ist so unglaublich schön. So still. So frei. So erquickend. Ich komme an, wo ich sein möchte. Ganz bei mir. Ohne gespielte Rolle, ohne Verpflichtung und ohne Zwang. Pure innere Freiheit.

Freiheit bedeutet für mich nicht tun und lassen können, was ich will. Freiheit ist kein Egoismus und schon gar kein lautstarker Protest um diesen durchzusetzen. Nein, Freiheit bedeutet für mich das Sein meiner Selbst. Das Abschalten jeglicher Beeinflussung. Das Aushalten und Genießen der absoluten Stille um mich herum.

Die Sinne zu schärfen, ihnen so die Möglichkeit einer Entwicklung zu geben und so in sich selbst zu wachsen. Bewusst die kleinen Dinge im Leben wahrzunehmen und ihnen einen Platz im Herzen zu ermöglichen. Offen zu sein für das Wesentliche.

Hier draußen ist das möglich. Hier draußen lebe ich diese Freiheit. Hier draußen bin ich und mehr braucht es nicht. Ich genieße diese Stunden für mich und bin froh darüber auch im Winter diese Freiheit nicht einbüßen zu müssen.

Es ist nicht mal 15 Uhr, doch die Sonne neigt sich früh. Wir sind nur zehn Tage vorm keltischen Yule, der Wintersonnenwende. Dem kürzesten Tag und somit der längsten Nacht im Jahr. Danach werden die Tage wieder länger und die Vorfreude auf sommerliche Segeltörns rückt näher.

Ich kehre um und segle der sinkenden Sonne entgegen. Ihr Licht ist ein Traum und verwandelt meine ansonsten weißen Segel in eine Art Sepia. Ich blicke mich um. Zwei, drei weitere Segel sind nun doch noch in der Ferne zu erkennen. Kleine Boote. Für die großen lohnt der Aufwand wohl nicht.

Still und glücklich trägt Findus mich zurück. Wir sind ein Team. Nicht gesucht und doch gefunden. Und das beste, was mir im Leben widerfahren konnte. Wie ein Partner an meiner Seite, der mir die Freiheit zum eigenen Wachstum ermöglicht. Das nenne ich Liebe.

Danke Findus.

1 Kommentar

  1. Da hast du wieder herrliche Momente erwischt und den Finger auf den Auslöser gehalten.
    Was für ein schöner Segeltag für dich mitten im Dezember.
    Dazu Worte, mit denen du deine Gefühle beschreibst, die so glaubhaft sind. Da wirkt nichts aufgesetzt, dem Leser vlt zu Liebe…, nein genau das bist du.

    Antworten
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