31. März 2021
Letzter Wintertag

Es ist der letzte Tag der Wintersaison 2020/2021. Ein traumhafter Tag. Mit blauem Himmel und viel Sonne.

Vor fünf Monaten, zu Beginn der kalten Jahreszeit, fragte mich ein Stegnachbar, dessen Boot im Winter immer an Land steht, ob es sich denn überhaupt lohne, das Boot auch im Winter im Wasser zu lassen. Er glaubt, man würde es sicher nur selten oder eher gar nicht nutzen.

Stille

Nun sind fünf Monate Wintersaison vorbei und in dieser Zeit konnte ich fünfundzwanzig mal die Leinen los machen, um 240 Seemeilen kreuz und quer und nach Lust und Laune, auf der Flensburger Innenförde zu genießen. Die Temperaturen waren dabei nicht immer traumhaft, doch die Bilder, die Farben und die Atmosphäre, die ich hier draußen meist alleine erleben durfte, waren es um so mehr. Sechsundsiebzig Stunden war ich mit Findus auf dem Wasser unterwegs. Umgeben von dieser einmaligen, wenn auch teilweise eisigen, Winterruhe.

Sommerfeeling

Heute ist es alles andere wie eisig auf dem Wasser. Heute sieht es nicht nur nach Sommer aus. Heute ist Sommer. Bei 20° Lufttemperatur mache ich es mir heute, mit kurzer Hose und leichtem Shirt, im Cockpit bequem. Es hat einen winzigen Hauch von Sommer und lässt mich die Kälte der vergangenen Tage vergessen.

Flaute

Ich befinde mich in einem riesigen Luftloch. Flaute. Mal wieder. War mein Boot die ersten Meilen noch mit gut fünf Knoten unterwegs, stehe ich nun wieder auf dem Fleck und komme nicht mehr vorwärts. Um mich herum ist wieder nur Stille. Diese herrliche Stille. Oh wie ich diese Stille liebe. Ich komme auf andere Gedanken und bin frei. Spüre wie dieses Gefühl sich in mir wieder ausbreitet und bin froh und dankbar hier auf dem Fleck zu stehen.

Ich muss an die Worte eines dänischen Bekannten denken. „Realität kann hart sein, aber Widerstand gegen Realität ist meistens das, was wirklich Leiden schafft!“ Danke für dieses Satz Mads. Deine Worte treffen zu 100%. Auch wenn das Annehmen der Realität Mut zu sich selbst kostet. Doch es stimmt auch, was mir ein weiterer Bekannter sagte: „Kampf sorgt nur für eine Verdichtung und Verhärtung der Dinge.“ Annehmen lautet also die Devise.

Kuchenzeit

Ich lehne mich zurück und besinne mich auf das, was ich habe. Meine Tochter hat gestern Nachmittag für mich gebacken und so gibt es heute mal kalten Kaffee und Muffins an Bord.

Kurs Ochsen

Über zwei Stunden kreuze ich vor dem Wind mal mehr, mal weniger schnell vor mich hin. Ich möchte am liebsten weiter. Immer weiter. Raus aus der Förde. Raus ins Offene. Wind und Wetter wären heute perfekt um einfach abzuhauen.

Store Okseø

Doch ich muss zurück und beschließe bei der großen Ochseninsel umzudrehen. Ich fahre eine Wende und nun geht es in leichter Rauschefahrt am Wind zurück. Etwas kälter ist es nun. Kam die Sonne bis eben schön von hinten und wärmte nicht nur das Cockpit, sondern auch mich, so weht mir nun der doch leicht frische Wind durch die dünnen Kleider.

Leichte Rauschefahrt

Der Sonne etwas entgegen kommend, setzte ich mich auf den Bug und überlasse Heinrich das Steuern. Hier vorne ist es zwar nicht unbedingt weniger windig, doch der Wind wirkt irgendwie wärmer. Hier vorn ist es noch sonnig, während im Cockpit der Schatten Einzug hält.

Schattiger Platz

Es ist nicht viel los auf der Förde. Es sind noch nicht mehr Boote unterwegs, wie die gesamte Wintersaison zusammen. Doch hier und da sieht man jetzt wieder weiße Segel in der Sonne glänzen. Probefahrt, oder erstes Klarmachen nach der Hallenzeit. Einige wenige fahren auch nur unter Motor vom Kran zum Hafen.

Gemütlichkeit

Der Kurs ist perfekt. Findus läuft stabil. Nur oben im Mast knarrt und knarzt es wieder. Es sind die Rollen der Fallen im Masttop. Da muss ich dringend nochmal bei. Auf die Schnelle wurden vor drei Jahren die erstbesten Rollen eingebaut, die der Mitarbeiter damals finden konnte. Nur im ersten Jahr war Ruhe, seitdem nerven sie bei optimalem Wind. Still sind sie nur bei Flaute, oder bei gutem Druck im Segel.

Kontraste

Findus hat eine seltsame Eigenart. Irgend sowas wie eine heimliche Liebe. Eine unsichtbare Anziehungskraft wird auf mein Boot ausgeübt, denn immer wieder zieht es ihn zu Tonne 13. Und wenn ich nicht aufpasse, wird er sie auch irgendwann erwischen.

Findus‘ Tonne

Ein letzter Schlag rüber, nochmal das Dreieck mitnehmen und um die ausgelegten Fischernetze segeln. Manchmal frage ich mich, ob ihr Auslegen blind geschieht, oder ob ein konfuser Plan dahinter steckt. Ich weiß es nicht und halte Ausschau nach den kreuz und quer schwimmenden Spieren.

Letzter Schlag

Noch einmal in die Sonne und dann geht es zurück in den Hafen. Die letzten viereinhalb Stunden taten gut. Hier draußen komme ich runter und ich komme an. Ich reflektiere das Leben und weiß, wo ich hingehöre. Vielleicht stimmt es, vielleicht sollte ich froh sein, nicht so zu sein wie die anderen. Denn ich kann jederzeit alleine raus segeln. Bin unabhängig und frei.

Frei

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