5. September 2021
Weekendfeeling

Das Wetter ist perfekt. Der Sommer lässt sich für ein paar Tage wieder blicken und ich muss wenigstens am Wochenende, für zwei Tage weg.

Findus ist langsam. Unendlich langsam. Sein Unterwasserschiff ist übersäht mit Pocken. Eine Plage in diesem Jahr. Was soll’s, dann sind wir halt langsam und genießen den spärlichen Wind noch ein bisschen länger.

Gemütlich rauscht mein Schiff mit durchschnittlich 2,8 Knoten dahin. Eigentlich sollte es auf die Außenförde gehen, doch so geht es Kurs Marina Minde.

Ich überlasse wie so oft Heinrich das Ruder und gehe auf‘s Vorschiff. Ich liebe es, wenn Findus leicht schräg durch‘s Wasser gleitet und ich für einen kurzen Moment das Gefühl habe, „nur mit“ zu sein. Ich fühle mich wohl und merke wieder, wie stark es mir eigentlich fehlt. Und vorallen, wie entspannt und schön es ist, nicht umdrehen zu müssen.

Es ist Anfang September und der Abend setzt mittlerweile recht früh ein. Ich mag das. Diese Spätsommertage haben etwas besonderes, etwas gemütliches.

Ich erreiche den Hafen noch vor Sonnenuntergang und Blicke nochmal raus auf die Förde. Gern würde ich jetzt einfach weiter segeln. Doch es ist nicht realistisch. Findus ist einfach zu langsam.

Die Sonne ist heute schnell verschwunden. Doch sie hinterlässt einen hellen Streifen hinterm Land, der den Himmel noch ein wenig erhellt, bevor die dunkle Nacht Einzug hält.

Ich mache es mir gemütlich und hänge mal wieder, wie so oft wenn ich das Glück habe an Bord zu übernachten, meinen Gedanken nach.

Hier bin ich. Ich darf ich sein. Fernab von diesem Leben an Land, das einfach nicht meines ist und was ich doch aufgrund von Verantwortung und Mutterschaft nicht ändern kann. Noch nicht. Denn in mir drin ist die Hoffnung, eines Tages wirklich leben zu können und diesem Tag fiebere ich entgegen.

Doch zunächst erwacht am nächsten Morgen ein neuer Tag. Stille. Der Hafen ist ruhig. Ich verlasse mein Schiff und eine Runde.

Spiegelglatt liegt das Wasser im Hafen. Der angekündigte Ostwind lässt noch auf sich warten. Hinter der Hafenmole allerdings steht man bereits, dass die Stille auf See heute nicht ganz so still bleiben wird.

Noch ist keine Menschenseele unterwegs. Keine Stimmen durchdringen diese Atmosphäre. Kein Geschrei, kein Gelächter. So nah ich es.

Nur ein heimischer Fischer ist draußen und holt mühselig seine Reusen ein.

Ich ziehe weiter durch den Hafen und erfreue mich den kleinen Dingen, die mir begegnen. Auch wenn ich schon unzählige Male hier war, sehe ich heute vieles in einem anderen Blickwinkel.

Ist das wirklich der Hafen, den ich glaubte in und auswendig zu kennen?

Ja, das ist er. Doch heute blicke ich mit anderen Augen um mich. Nehme Eindrücke anders wahr. Einige intensiver, andere schmerzlicher und wieder andere voller Begeisterung.

Es wird langsam Zeit. Der Wind hat zwischenzeitlich stark zugenommen. Etwas zu stark für meinen Geschmack, so dass ich lieber etwas warten wollte. Nun bedecken immer mehr Wolken den Himmel, doch der Wind ist wieder ruhiger.

Optimal sogar. Etwas zögerlich kommt Findus aus der Box. Seine Reaktion ist extrem langsam und ich froh über die breiten Reihen hier.

Mit Halbwindkurs geht es die Innenförde entlang zurück Richtung Flensburg. Es ist warm. Es weht ein lauer Sommerwind. Es ist schön. Nur der Gedanke an das Land, an die Verpflichtungen und das nicht Sein können nagen leicht an mir.

Ich verdränge diese Gedanken. Hier auf dem Wasser haben sie nichts zu suchen. Hier BIN ich. Und diesen Zustand will ich leben. Sein. Im Hier und Jetzt.

Ich wende das Boot und Segel am Wind noch einmal zurück. Noch ein paar Meilen extra. Noch ein paar Meilen ICH. Egoistisch? Nein, im Gegenteil. Überlebensrelevant. Kein unnötiges wollen. Nur der Drang seinem Inneren und elementarem Gefühl nach zu kommen.

Ich lebe. Ich liebe….

Ich bin derart vertieft in meine Gefühle, dass ich für einen Augenblick nicht aufpasse. Zu schön fühlt es gerade an, den Wind zu spüren. Der Gischt zu lauschen. Mein Boot zu fühlen.

Ein Blick auf den Tiefenmesser reißt mich aus meinen Gefühlen und Gedanken. Nur noch 2,20m unterm Kiel. Vor mir liegt Kohage. Eine Sandzunge der dänischen Küste. Hier wird es urplötzlich flach. Ich sehe zum Grund und erkenne bereits den sandigen Meeresboden unter mir. Blitzschnell reiße ich das Ruder rum, wende das Boot und blicke erneut auf den Tiefenmesser. 40cm unterm Kiel. Doch ich habe Glück und Findus läuft mit genügend Wasser unter sich nun Kurs ost.

Es tat gut dieses Wochenende draußen gewesen zu sein….

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